Direkte Beziehung
Schutzlos ausgeliefert, fast nackt, dem Publikum indiskret nahe. Kein Kostüm, hinter dem man sich verstecken kann, kein Graben, der Distanz schafft, kein Orchester, das einen akustisch schützend umhüllt. Liedgesang, zumal im Saal, scheint keine Sache für Ängstliche. Manche Sänger freilich lieben gerade diese Nähe: «Was mich am Lied so fasziniert, ist die direkte Beziehung, die man zu seinem Publikum findet», sagte Marjana Lipovsek dem Schreiber dieser Zeilen vor einigen Jahren, «ich versuche, mit dem Publikum ‹befreundet› zu sein, mit ihm eine spezielle ‹Affäre› einzugehen.
Dabei öffne ich mich vollkommen, jedes Lied ist von mir, von meinem Inneren abgestempelt.»
Dass diese Aussage nicht bloß Attitüde war, beweist der Mitschnitt ihres Liederabends von den Salzburger Festspielen 1987, den Orfeo jetzt auf zwei CDs herausbrachte. Über Geschmack kann man bekanntlich trefflich streiten, aber für mich ist dies eines der schönsten, stimmigsten Recitals, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden. Erfühlen der Inhalte und intellektuelle Disposition sind im stimmigen Einklang; souverän die Gestaltungskraft der Lipovsek und ihre Wandlungsfähigkeit in diesem dramaturgisch weit gespannten ...
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