Die Last der Geschichte
Volles Haus in Zürich. Das Opernhaus dort hat Platz für 1150 Zuschauer, 900 dürfen nun rein, die Gesichtsmasken allerdings muss man auch während der Vorstellung tragen. Nur: Das Orchester ist nicht da. Die Philharmonia Zürich nimmt im Orchesterprobenraum Platz, ebenso der Chor. Dieser ist einen Kilometer vom Opernhaus entfernt, die Live-Übertragung erfolgt über Glasfaserkabel, worüber ein kurzes Video informiert. Das Publikum im Opernhaus spendet fröhlich Auftrittsapplaus, die Musiker grinsen.
Eine großartige Idee! Mit Wahrung der Abstandsregeln wäre im Graben nie und nimmer genug Platz für ein Orchester der Größe, die Modest Mussorgskys «Boris Godunow» verlangt. So aber kann in voller Besetzung gespielt werden. Die Anlage überträgt den Klang sehr plastisch, man hört die Orchesteraufstellung, links die Geigen, rechts die Celli – über weite Strecken vergisst man völlig, dass man nur der Musik aus den Boxen lauscht, zumal die Synchronisation mit dem Geschehen auf der Bühne fast makellos funktioniert. Dazu modelliert Kirill Karabits den Klang äußerst wach und aufmerksam; nur in den großen Massenszenen vermisst man den Druck, das Brachiale, den diese Musik haben kann – man spielt ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Egbert Tholl
Die Bühne für «Das große Welttheater», ein musikalisches Schauspiel für Sänger, Schauspieler und Musiker nach Pedro Calderón de la Barca, in der Regie von Calixto Bieito, mit dem ich seit 2006 zusammenarbeite, zeigt, was mir viel bedeutet: die Verbindung von Raum, Bewegung und Musik. Und wie kraftvoll diese Synergie wirken kann. Der Raum nicht als statischer Ort,...
Klingt diese Musik anders, wenn man weiß, dass sie auf den Rückseiten von Deportationsformularen notiert wurde? Von Theresienstadt, wo sie 1944 unter den absurden Umständen eines KZ mit «Kultur» entstand, ging der Weg für viele nach Auschwitz, auch für Viktor Ullmann. Seine dritte, mit dem jungen Dichter Peter Kien zusammengedachte Oper, für Lager-Kammerbesetzung...
Am schlimmsten sind die Wutbürger. Kläffen sich die Seele aus dem Leib, sobald der Vorhang fällt, in der Hoffnung, man werde ihnen die gebührende Aufmerksamkeit schenken. Und, so betrüblich es ist: Es funktioniert. Der ganze Saal blickt sich um, wenn aus den oberen Rängen, wo die Schreidackel bevorzugt sitzen, das niederschmetternde «Buh» auf die armen Künstler,...
