Die Last der Geschichte
Volles Haus in Zürich. Das Opernhaus dort hat Platz für 1150 Zuschauer, 900 dürfen nun rein, die Gesichtsmasken allerdings muss man auch während der Vorstellung tragen. Nur: Das Orchester ist nicht da. Die Philharmonia Zürich nimmt im Orchesterprobenraum Platz, ebenso der Chor. Dieser ist einen Kilometer vom Opernhaus entfernt, die Live-Übertragung erfolgt über Glasfaserkabel, worüber ein kurzes Video informiert. Das Publikum im Opernhaus spendet fröhlich Auftrittsapplaus, die Musiker grinsen.
Eine großartige Idee! Mit Wahrung der Abstandsregeln wäre im Graben nie und nimmer genug Platz für ein Orchester der Größe, die Modest Mussorgskys «Boris Godunow» verlangt. So aber kann in voller Besetzung gespielt werden. Die Anlage überträgt den Klang sehr plastisch, man hört die Orchesteraufstellung, links die Geigen, rechts die Celli – über weite Strecken vergisst man völlig, dass man nur der Musik aus den Boxen lauscht, zumal die Synchronisation mit dem Geschehen auf der Bühne fast makellos funktioniert. Dazu modelliert Kirill Karabits den Klang äußerst wach und aufmerksam; nur in den großen Massenszenen vermisst man den Druck, das Brachiale, den diese Musik haben kann – man spielt ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Egbert Tholl
Gemeinhin gilt eine Filmmusik dann als adäquat, wenn sie hinter oder unter den Bildern so verschwindet, dass man sie nicht mehr bewusst wahrnimmt: Musik als Funktionsträger, als Geschmacksverstärker. Damit hat freilich der 61-jährige Kölner Johannes Kalitzke nichts am Hut. Seit geraumer Zeit beschäftigt sich der Komponist und Dirigent (nicht nur in eigener Sache)...
«Ins Offene!» Wer hätte gedacht, dass das berühmte Hölderlin-Zitat ausgerechnet im Jahr des Gedenkens an dessen 250. Geburtstag solche Relevanz bekäme. Denn im Freien scheint die Corona-Ansteckungsgefahr am Geringsten zu sein. Was allerdings nicht verhindern konnte, dass schon im Frühjahr wichtige Freiluftfestivals auf dem Covid-19-Altar geopfert wurden. Einige...
Göttinnen und Götter weisen den Weg. Antike Skulpturen schauen versteckt aus den lauschigen Nischen und Hecken eines veritablen Lustgartens heraus. Die Giardini di Boboli gleichen einem Gesamtkunstwerk des italienischen Gartenbaus. Oberhalb des Palazzo Pitti strecken sie sich den Hügel empor – allein das ein spettacolo, ein Paradebeispiel für jene Kultur der Augen,...
