Die Kunst des Timings
Mucksmäuschenstille. Noch ist nichts zu hören. Orchesterschweigen. Umso mehr ist zu sehen. Rechts, im Spelunkenlicht, steht Donner, eng umschlungen, kussintensiv. Wer die Dame wohl sein mag? Erst später wird sich herausstellen: Die Dame ist ein Herr und heißt Froh. Unterdessen wartet am linken Bühnenrand jemand mit Plastiktüte. Ein Beobachter. Ein stummer Geist. Rein äußerlich: Typ Edmund Stoiber im hellen Trenchcoat. Erst nach vierzig Minuten wird Loge erstmals den Mund aufmachen. Über ihm steht, Eva-gleich, Freia unter einem Apfelbaum und stiert lüstern auf eine der Früchte.
Im Zimmer nebenan fläzt sich Wotan auf einer Matratze, umgeben von drei freizügigen Rheintöchtern. Auf dem Podest über ihm hat sich, neutralisierte Autorität, Gattin Fricka in einen Aktenordner vertieft. Erst jetzt, nachdem sich der Zuschauer einen flüchtigen Überblick hat verschaffen können, setzt das Orchester ein. Die bis dato in starre Gesten gebannten Figuren beginnen sich zu regen.
So stellt sich die Situation am Beginn des «Rheingold» am Essener Aalto-Theater dar. Tilman Knabe hat inszeniert, und am Ende der Aufführung fragt man sich ernsthaft, wie es unter seiner Regie mit «Walküre» und den übrigen ...
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