Die Kunst des Timings
Mucksmäuschenstille. Noch ist nichts zu hören. Orchesterschweigen. Umso mehr ist zu sehen. Rechts, im Spelunkenlicht, steht Donner, eng umschlungen, kussintensiv. Wer die Dame wohl sein mag? Erst später wird sich herausstellen: Die Dame ist ein Herr und heißt Froh. Unterdessen wartet am linken Bühnenrand jemand mit Plastiktüte. Ein Beobachter. Ein stummer Geist. Rein äußerlich: Typ Edmund Stoiber im hellen Trenchcoat. Erst nach vierzig Minuten wird Loge erstmals den Mund aufmachen. Über ihm steht, Eva-gleich, Freia unter einem Apfelbaum und stiert lüstern auf eine der Früchte.
Im Zimmer nebenan fläzt sich Wotan auf einer Matratze, umgeben von drei freizügigen Rheintöchtern. Auf dem Podest über ihm hat sich, neutralisierte Autorität, Gattin Fricka in einen Aktenordner vertieft. Erst jetzt, nachdem sich der Zuschauer einen flüchtigen Überblick hat verschaffen können, setzt das Orchester ein. Die bis dato in starre Gesten gebannten Figuren beginnen sich zu regen.
So stellt sich die Situation am Beginn des «Rheingold» am Essener Aalto-Theater dar. Tilman Knabe hat inszeniert, und am Ende der Aufführung fragt man sich ernsthaft, wie es unter seiner Regie mit «Walküre» und den übrigen ...
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Während der ganzen Aufführung steht die Bühne zentimetertief unter Wasser, dem Element von Leben und Tod. Kent Nagano hat seine Frackhose fast bis zum Knie hochgekrempelt, um den Applaus mit den Darstellern entgegenzunehmen. Er scheint sich über den Beifall fürs Regieteam, für die Sänger, allen voran Michael Volle als stimmgewaltiger Wozzeck, zu freuen. Das...
Eigentlich ist der Jazz sein Metier. Eigentlich. Denn auch wenn Gianluigi Trovesis wichtigste Aktionsfelder die Big Band (Italian Instabile Orchestra), das (eigene) Oktett/Nonett oder das Duo mit dem Akkordeonisten Gianni Coscia sind, und auch wenn aus jedem Ton, den der inzwischen 64-Jährige auf Klarinetten und Saxofon hervorbringt, der Schalk eines munter...
Auf dem Weg viele Stufen hinauf zur St. Peter-und-Pauls-Kathedrale, diesem wunderbaren Joint Venture von Romanik, Gotik und Barock, das die Altstadt von Brünn überragt, hören wir aus einem Haus eine keifend scharfe Frauenstimme. Da wir in Sachen Leos Janácek hier sind, wird uns sofort klar, woran sie uns erinnert: an Kostelnicka, die Küsterin aus «Jenufa» – eine...
