Die Hölle sind wir alle
Trügerische Dorfidylle. Das große Mühlrad, der kleine Bahnhof, das winzige Kirchlein und ein Pferd, nicht die Kuh, auf dem Dach: Nikolaus Weberns Bühnenbild in Kateryna Sokolovas «Jenůfa»-Inszenierung suggeriert eine gleichermaßen veristisch-naturalistisch wie surrealistische Szenerie – Chagall meets Čapek.
Die Kostüme von Constanza Meza-Lopehandias verorten das Geschehen in der tschechoslowakischen Republik der 1920/30er-Jahre, die böhmisch-mährische Landidylle ist einer kleinbürgerlichen Atmosphäre gewichen, die klar signalisiert: Wir wollen keine Provinz sein.
Kateryna Sokolova gelingt mit ihrer nunmehr vierten Regiearbeit am Theater Freiburg eine stringente, vielschichtige Deutung von Janáčeks berühmtester Oper. Es geht um Menschlichkeit und Liebe. Und um die Frage der inneren Freiheit, zumal vor dem Hintergrund patriarchalischen (auch matriarchalischen) Denkens. Ein Höhepunkt: die Szene, in der die Küsterin den fatalen Entschluss fasst, das Kind zu ermorden. Die linke Wand des kargen Zimmers bewegt sich unaufhaltsam auf sie zu, angeschoben von einer in tiefes Schwarz gekleideten Gesellschaft, die sich der Frau in den Weg stellt, als diese aus der klaustrophobischen Kulisse ...
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Opernwelt März 2025
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Alexander Dick
Die Opéra national de Paris hat kein Glück mit dem «Ring». Wagners Tetralogie wurde in Frankreichs Hauptstadt zunächst stückweise präsentiert, zudem in der falschen Reihenfolge: «Das Rheingold» kam erst 1909 zur Aufführung, nach «Walküre» (1893), «Siegfried» (1901) und «Götterdämmerung» (1908) – und zwei Jahrzehnte nach Produktionen in ungleich kleineren Städten...
Im oberen Fenster eines bunt bemalten Fachwerkhauses klebt ein selbstgebasteltes Pappschild: «Für die Vielfalt! Gegen rechts!». Hildesheim ist ein kleines Juwel der Fachwerkarchitektur. Neben einer mühevoll wiederaufgebauten Innenstadt, die diesbezüglich im Zweiten Weltkrieg einen großen Bestand eingebüßt hat, gibt es ganze Straßenzüge mit erhaltenen, aufwendig...
Zur Zeit der ersten Aufführungen von Giuseppe Verdis «La forza del destino» in Petersburg (1862) und Mailand (1869, in umgearbeiteter Fassung) war das Orchestervorspiel die Schwelle zwischen der gesellschaftlichen Realität und dem ersten Sängerauftritt: Die wenig geachtete Instrumentalmusik diente der Beruhigung der erhitzten Körper und entfesselten Mundwerke; was...
