Die entkleidete Oper
Eigentlich wollen wir sie nicht mehr sehen, diese Herren in ihren mausgrauen Anzügen, mit Schlips und Köfferchen. Und dieses Lounge-Mobiliar mit Ledersofa, Rolltreppen, Hotel-Lobby- und Airport-Lifts. Dennoch: Christian Schmidts «Rinaldo»-Ambiente in Zürich geht letztlich doch auf. Zumal, wenn sich herausstellt, dass Ramses Sigls Schlips-und-Kragen-Ballett der Wiedergabe den realistischen Boden entzieht und ihr einen Hauch von ironisierender Revue zufächelt.
Diese Künstlichkeit bildet sich am stärksten heraus, wenn eine unwirkliche Zeitlupenbewegung des gesamten Ensembles Rinaldos Arie «Cara sposa» umgibt und den Bildalltag mit schier magischen Momenten durchsetzt.
Claus Guth sollte inszenieren. Jens-Daniel Herzog übernahm das Konzept des erkrankten Kollegen. Wir sind offenbar mit einem Wirtschaftskrieg (Öl?) konfrontiert, erleben einen von Armidas Strategie beflügelten Fall von raffinierter psychologischer Schlachtführung. Die Erschütterung der ursprünglichen Liebesordnung bringt das ganze Quiproquo ins Schillern: Weder bleiben die Christin Almirena von Jerusalems König Argante noch der (umgedeutete) Kreuzritter Rinaldo von der sarazenischen Zauberin und kapitalen Erotikerin ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wenn die Oper in England auf Landpartie geht, geschieht dies in guter Hoffnung auf so viel Sonne, dass das Publikum während der ausgedehnten Pausen sein Picknick-Dinner einnehmen kann. Dieses Jahr indes hatte sich schon Sturmgewölk über der Garsington Opera nahe Oxford zusammengebraut, bevor der Vorhang zu Vivaldis «L’incoronazione di Dario» aufging. Die Erben von...
Ein tönender Überfall. Kopfüber stürzt sich das Orchestre philharmonique de Strasbourg in diesen «Fidelio». Das Fanfarenmotiv am Beginn der Ouvertüre: wie ein Startschuss, schnell, fast schon hastig, alles beiseite drückend, keinen Einwand duldend, basta. Der Straßburger Beethoven-Tonfall ist eher harsch, wie abgerissen, schmucklos drängend, ja, dringlich, Verve...
Das Publikum der Volksbühne strömt kräftig schon zur Einführung: Man hat vom Buh- und Bravo-Kampf der Premiere gehört und will mitreden können. Und diskutiert wird viel in der Pause und nach der Aufführung – die Meinungen schwanken zwischen Ablehnung und glühender Begeisterung. Ablehnung, weil die Ästhetik der Bühne den lieb gewordenen «Eugen Onegin»-Kitsch gar so...
