Der Wirklichkeit enthoben

Barrie Kosky zeigt Rimsky-Korsakows Märchenoper «Der goldene Hahn» in Lyon als lustvoll-verspielte, bissige Gesellschaftssatire, Daniele Rustioni serviert dazu sublime Klangzaubereien

Worüber man im wahren Leben tunlichst schweigen sollte, davon lässt sich im Märchen trefflich erzählen. Und während Kinderfabeln mit ihren idealen Prinzessinnen und Königen als (Arche-)Typen des «Es war einmal» und «... dann leben sie noch heute» ihre zeitlosen Wahrheiten verkünden, gleichen Märchen für Erwachsene fast immer heimlichen Zeitstücken.

Die geraten allerdings mitunter affirmativ, etwa wenn Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal in der «Frau ohne Schatten» mitten in einem seinen Humanismus korrumpierenden Europa des Ersten Weltkriegs anno 1917 das Hohelied der Gattenliebe singen. Direkt nach dem Weltenbrand fragt Walter Braunfels 1920 in seiner Aristophanes-Adaption «Die Vögel» wiederum mythenverschwurbelt (aber auch selbstkritisch die dionysische Entgrenzung reflektierend), ob künstlerischer Eskapismus eine Antwort auf den Untergang sein könnte oder Weltenflucht nicht ihrerseits zum Weltverlust führt.

Engelbert Humperdinck, der Meister der in die Romantik des orchestralen Wagner-Walds verlegten Kinderoper «Hänsel und Gretel», schuf mit den «Königskindern» 1909 seinen Schwanengesang als utopisch aufgeladenen Abgesang auf die Märchenoper und postulierte auf des ...

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Opernwelt Juli 2021
Rubrik: Focus Spezial, Seite 10
von Peter Krause

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