Geschlossene Gesellschaft
Ich war zehn. Ich dürfe, sagte mein Vater, meine Mutter abends in die Operette begleiten: Abonnement-Gastspiel des Städtebundtheaters aus Hof mit dem «Vogelhändler» von Carl Zeller. Ich kannte die Musik, weil im elterlichen Hause viel Operette gehört wurde und, ja, ich mochte sie. Kurzum, ich freute mich auf meinen ersten abendlichen Theaterbesuch. Es sollte der Beginn einer wunderbaren Beziehung werden – zu einer sich mitunter recht mondän, mitunter recht albern, manchmal auch ein bisschen peinlich gebärdenden Dame.
Über die man damals, Ende der 1960er-Jahre, einmal mehr befand, sie sei schon längst tot. Gäbe es eine Steigerungsform von tot, so müsste man heute, ein halbes Jahrhundert danach, konstatieren: Sie ist noch toter als tot. Klingt nach dem Refrain eines – noch zu schreibenden – Operettenchansons. Und so gar nicht nach einer Renaissance der Gattung, auch wenn von dieser, mitunter, die Rede ist. Wie auch derzeit wieder. Versuch einer Abwägung
Niedergangsszenarien
Zunächst: Dass jemand mit Operettenmusik aufwächst und sich auch noch an ihr delektieren kann, war auch vor 50 Jahren bereits die Ausnahme. Auf der intellektuellen Seite hatten kulturwissenschaftliche Vordenker ...
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Opernwelt Juli 2021
Rubrik: Focus Spezial, Seite 24
von Alexander Dick
Der Witz ist alt, aber nach wie vor gut, und er geht so: Drei Herren sitzen droben auf der Himmelswiese lorbeerumkränzt beieinander und debattieren darüber, wer von ihnen zu Lebzeiten der größte Dirigent aller Zeiten gewesen sei. Als Erster führt Karl Böhm das Wort. Und erzählt den beiden anderen eine staunenswerte Geschichte: Gott höchstselbst sei ihm im Traum...
Duisburg
«Romeo und Julia»
Wer Charles Gounods Vertonung des Shakespeare-Stoffes im Ohr hat, wird sich selbiges einigermaßen verwundert reiben. Diese Musik ist ganz anders: spröder, kühler, distanzierter, ja man könnte sagen: verschrobener. Und das mit Grund: Der Komponist heißt Boris Blacher, sein Stück stammt aus dem Jahr 1943. Und entheroisiert das Sujet...
Im Liedgesang ist das vokale Gender Crossing noch immer die Ausnahme. Die Geschlechtergrenzen scheinen wenig durchlässig, Schuberts «Schöne Müllerin» und seine «Winterreise», Schumanns «Dichterliebe» so unbestritten männliches Territorium wie Wagners «Wesendonck-Lieder» oder Strauss’ «Vier letzte Lieder» autochthone Sopran-Domäne. Sängerinnen wie Lotte Lehmann,...
