Der Wille zur Freiheit
Vorab die Frage der Fassung: Modena, 1886. Eine kluge Wahl. Denn Modena war Verdis letztes Wort in einer (siebenteiligen) Causa, die komplizierter klingt als sie ist. Den (fünfaktigen) «Don Carlos» schrieb er für Paris und die dortigen Usancen, den (vieraktigen) «Don Carlo» für sein Heimatland. Dass die italienische Version vorzuziehen ist, lässt sich in jeder Melodie begründen, Verdi war Italiener, er dachte, fühlte und komponierte «italienisch».
Und der final wieder hinzugefügte Fontainebleau-Akt ist einfach wesentlich: als Initial, als psychologisch-politische Setzung, als Grundlage dessen, was geschieht.
Zwei Menschen begegnen sich (Tebaldo assistiert lediglich). Am Theater Bremen tun sie es auf nächtlich leerer Bühne. Ein einfacher Trick, um das plumpe «Ach, er ist es!» Elisabettas zu umschiffen. Die Schöne von Valois, mit lyrischer Eindringlichkeit von Sarah-Jane Brandon gesungen, sieht Don Carlo (ein Heldentenor mit leicht beengter Höhe: Luis Olivares Sandoval) in diesem Dunkel wirklich nicht, ihre Taschenlampe blendet eher, als dass sie Erleuchtung verschafft. Als sie ihren vermeintlich zukünftigen Geliebten erkennt (noch nicht im biblischen Sinne, aber mit der spürbaren ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Jürgen Otten
Ist das überhaupt zum Aushalten? Werden sich die Menschen nicht danach umbringen?» So soll Gustav Mahler, die soeben vollendete Partitur seines «Lieds von der Erde» aufschlagend, nach dem Zeugnis Bruno Walters gefragt haben. Heute ist die Symphonie in Liedern mit ihrer unaufgelösten Polarität von Werden und Vergehen im Kanon angekommen. Rund zweihundert Aufnahmen...
Mögen sie einander auch in noch so intimer Abneigung verbunden sein: Ein Duell unter Edelmännern setzt die Wahl der gleichen Waffen voraus. Das gilt im wahren Leben wie in der Kunst. Also lässt Giorgio Battistelli für «Orazi e Curiazi», jene Kostbarkeit des Instrumentalen Theaters, zwei Schlagzeuger aufeinandertreffen, deren perkussives Instrumentarium nahezu...
Melanie Unseld, Musikwissenschaftsprofessorin an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, beginnt ihr Buch «Musikgeschichte ‹Klassik›» – klassisch. Und zwar mit einer Problematisierung des «Klassik»-Begriffs, ganz im Sinne von Musikgeschichtskapazitäten wie Carl Dahlhaus und anderen. Das hat zunächst etwas von der Steifheit und Hermetik einer...
