Der Wille zur Freiheit

Marko Letonja und Frank Hilbrich zeigen in Bremen, wie zeitlos modern Verdis «Don Carlo» nach wie vor ist

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Vorab die Frage der Fassung: Modena, 1886. Eine kluge Wahl. Denn Modena war Verdis letztes Wort in einer (siebenteiligen) Causa, die komplizierter klingt als sie ist. Den (fünfaktigen) «Don Carlos» schrieb er für Paris und die dortigen Usancen, den (vieraktigen) «Don Carlo» für sein Heimatland. Dass die italienische Version vorzuziehen ist, lässt sich in jeder Melodie begründen, Verdi war Italiener, er dachte, fühlte und komponierte «italienisch».

Und der final wieder hinzugefügte Fontainebleau-Akt ist einfach wesentlich: als Initial, als psychologisch-politische Setzung, als Grundlage dessen, was geschieht. 

Zwei Menschen begegnen sich (Tebaldo assistiert lediglich). Am Theater Bremen tun sie es auf nächtlich leerer Bühne. Ein einfacher Trick, um das plumpe «Ach, er ist es!» Elisabettas zu umschiffen. Die Schöne von Valois, mit lyrischer Eindringlichkeit von Sarah-Jane Brandon gesungen, sieht Don Carlo (ein Heldentenor mit leicht beengter Höhe: Luis Olivares Sandoval) in diesem Dunkel wirklich nicht, ihre Taschenlampe blendet eher, als dass sie Erleuchtung verschafft. Als sie ihren vermeintlich zukünftigen Geliebten erkennt (noch nicht im biblischen Sinne, aber mit der spürbaren ...

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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Jürgen Otten

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