Der weise König
So, wie er dastand, baumlang, erhaben, unantastbar und würdevoll, wusste man im gleichen Moment: Dieser Mann, der anscheinend durch nichts aus der Ruhe zu bringen war, verdiente, nein: er gebot Respekt. Zur Rolle passte es. An diesem milden Frühlingsabend kurz vor der Jahrtausendwende sang und spielte Matti Salminen an der Deutschen Oper Berlin in Götz Friedrichs grandioser Inszenierung eine seiner, wie man so schön in der Szene sagt, signature roles, den Gurnemanz in Wagners Bühnenweihfestspiel «Parsifal».
Und schon nach wenigen Tönen der (dramaturgisch etwas zweifelhaften, weil allzu langatmigen) Erzählung war jedem im Saal klar, dass man Zeuge einer außerordentlichen Darbietung werden würde. Die Stimme ein tiefer Brunnen der Vergangenheit, das Auftreten imposant, Deklamation und Linienführung delikat, Gestik und Mimik auf das Wesentliche beschränkt.
Nun neigen Finnen für gewöhnlich ohnehin nicht zu einem übermäßig outrierten Gebaren. Doch Matti Salminen überbot den Stoizismus seiner Landsleute schon immer allein durch seine Gestalt. Und durch seine Aura. Noch heute blicken Menschen neugierig staunend und ehrfürchtig auf, wenn er einen Raum betritt. Salminen selbst würde nie sagen, dass er nach einer solchen Aufmerksamkeit strebt. Aber so ist das mit großen Persönlichkeiten, die zudem noch eine große Stimme haben: Sie sind da, man ist ergriffen.
Und das war schon 1970 der Fall. Soeben hatte der Bass sein Gesangsstudium an der Sibelius-Akademie in Helsinki abgeschlossen, da wurde er von der Finnischen Nationaloper, die bis heute im Grunde seine Heimat ist (und wo man erhebliche Chancen hat, ihn zu treffen, weil er das Haus liebt) schon für die Partie des Filippo II. in Verdis «Don Carlos» verpflichtet. Kaum glaublich, aber wahr: Salminen war zu diesem Zeitpunkt mit seinen 25 Jahren noch ein Greenhorn, spielte aber einen alt gewordenen, verbitterten Herrscher. Und das, so berichten es zumindest Zeitzeugen, mit einer Grandezza, die Publikum und Kritik gleichermaßen in Erstaunen versetzte.
Der Weg zum Ruhm war damit frei – Bässe mit einer grabesdunklen, dabei verständlichen Tiefe, zementener Mittellage und einer kantablen «Höhe» sind so selten wie Heldentenöre, die nicht drücken oder Spitzentöne herausschleudern müssen. Salminen beschritt diesen Weg, ohne jemals auf die Idee zu verfallen, er sei etwas Besonderes – was auch mit seiner Herkunft zu tun haben mag: Er stammt aus einer Turkuer Arbeiterfamilie und musste nach dem frühen Tod seiner Mutter als Tischler sowie auf einer Schiffswerft aushelfen, um für seinen Lebensunterhalt und den seiner Geschwister zu sorgen. Diese Erfahrung übertrug Salminen auf die Kunst: Da wurde nicht viel geredet und noch weniger Aufhebens um etwas gemacht – Singen war auch nur ein Job. Bekam er eine Partie, lernte er sie, ging zur Probe und danach auf die Bühne, um das zu tun, was er am besten konnte. Mag sein, dass dieser Edel-Bass um seine besonderen Qualitäten stets wusste. Doch nach außen hin ist Salminen, der bereits im Alter von sechs Jahren als Knabensopran im Chor sang, bis heute bescheiden geblieben. Ein typischer Finne.
Und jemand, der sich aufgrund der «Macht» seiner Stimme schnell in Richtung Wagner orientierte. Bereits 1977 – zu der Zeit war er Ensemblemitglied an der Kölner Oper und hatte den König Philipp auch schon an der Wiener Staatsoper gesungen – debütierte Salminen an der Berliner Bismarckstraße als Veit Pogner in den «Meistersingern». Es folgten Partien wie Hunding, Hagen, König Marke, Daland, Landgraf Hermann und der bereits erwähnte Gurnemanz, und wie nur wenige außer ihm verkörperte er (allerdings nie je zur gleichen Zeit, zaubern konnte auch Salminen nie) sogar beide «Ring»-Riesen.
Natürlich blieb ein Sänger von einem solch immensen Format nicht bei Wagner stehen. Matti Salminen war auch als Sarastro, Osmin und als Rocco eine sichere Bank, seine Interpretationen der Titelrolle in Mussorgskis «Boris Godunow» und des Fürsten Iwan in der «Chowanschtschina» sind Legende; und auch als «Aida»-Ramphis und Padre Guardiano in «La forza» reüssierte Salminen an vielen Bühnen.
Eine Rolle gab es, die lag ihm besonders am Herzen. Das war der King Lear in der gleichnamigen Shakespeare-Vertonung seines Landsmannes Aulis Sallinen, einer Oper, die 2000 uraufgeführt wurde, heute aber nicht mehr auf den Spielplänen mitteleuropäischer Häuser zu finden ist. Was bleibt, ist die Erinnerung an die Titelfigur. So würdevoll, mild und weise war kaum einer. Am 7. Juli feiert Matti Salminen seinen 80. Geburtstag. Wir verneigen uns vor dem König!
Opernwelt Juli 2025
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Jürgen Otten
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