Der Pol als Parabel

Mit der neuen Oper des jungen tschechischen Komponisten Miroslav Srnka macht sich die Bayerische Staatsoper auf den Weg zum «South Pole». Rolando Villazón als Scott und Thomas Hampson als Amundsen wagen sich ins ewige Eis. Die Expedition wird geleitet von Kirill Petrenko und Hans Neuenfels

Die Ponys hören zu. Erst eines. Ein Ganzton, dann ein Halbton aufwärts, lange und leise gehalten. Dann kommen fünf weitere dazu, schmiegen sich unter die Gesangsphrase ihres Herrn. Jedes hat seinen eigenen Rhythmus, seine eigene triolische Bewegung, seine eigene chromatische Linie. Alle sind genau in der Partitur notiert, im Bassschlüssel. Sechs Ponys, das sind sechs Hörner. «Amundsen erscheint mir ständig in meinen Träumen», singt Scott. Auch die Hunde hören zu. Erst einer, dann – einen Ganzton tiefer – ein zweiter, dann vier weitere.

Sie schmiegen sich unter die Gesangsphrase ihres Herrn. Sie sind im Violinschlüssel notiert: sechs Hunde, sechs Klarinetten, nicht ganz so individuell wie die Ponys. Die Hunde bilden ein Rudel. «Scott quält mich in meinen Träumen», singt Amundsen.

Eine «double opera» nennen Miroslav Srnka und Tom Holloway ihr neues Stück, das von der Bayerischen Staatsoper in Auftrag gegeben und jetzt dort uraufgeführt wurde. Es strotzt von Symmetrien, von Parallelaktionen. Es lebt vom Aneinander-Vorbei. Amundsen und Scott sind sich nie begegnet. Und doch bleiben ihre Schicksale untrennbar miteinander verbunden. Ende 1911 brachen beide auf, um den Südpol zu erobern. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
In Kopf und Körper

Ich muss eine Rolle im Kopf und im Körper spüren, um mich reif dafür zu fühlen», äußerte Vesselina Kasarova einmal im Gespräch. Deswegen wollte sie nie von unten an der Decke des von ihr gewählten Faches kratzen, sondern souverän auf dessen Boden stehen. Lange hat sie sich daher auf das Belcanto-Repertoire konzentriert. Erst relativ spät kamen lyrische und...

Keine Angst vor großen Gesten

Frau Schmidt-Futterer, Ihre Zunft kommt auf dem Besetzungszettel meist an vorletzter Stelle. Einige Regisseure sehen das Kostüm als notwendiges Übel, viele scheinen sich regelrecht davor zu fürchten. Oder täuscht der Eindruck?
Nein, diese Angst beobachtet man tatsächlich oft. Entwickelt hat sie sich, als einzelne Kostümbildner den Kittel und die...

Auf Kamerafahrt

Während die Verlegung alter Geschichten in neue Zeiten und an neue Orte heute zum Handwerkszeug der Szenografie gehören, lohnt es sich vielleicht manchmal, den Blick aufs Original zu richten. Zumal wenn dabei – wie jetzt in Kiel – nicht bloß die Wiederkehr des ewig Gleichen herauskommt. Der italienische Videokünstler Luca Scarzella hat sich in Rom an den...