Der Pol als Parabel
Die Ponys hören zu. Erst eines. Ein Ganzton, dann ein Halbton aufwärts, lange und leise gehalten. Dann kommen fünf weitere dazu, schmiegen sich unter die Gesangsphrase ihres Herrn. Jedes hat seinen eigenen Rhythmus, seine eigene triolische Bewegung, seine eigene chromatische Linie. Alle sind genau in der Partitur notiert, im Bassschlüssel. Sechs Ponys, das sind sechs Hörner. «Amundsen erscheint mir ständig in meinen Träumen», singt Scott. Auch die Hunde hören zu. Erst einer, dann – einen Ganzton tiefer – ein zweiter, dann vier weitere.
Sie schmiegen sich unter die Gesangsphrase ihres Herrn. Sie sind im Violinschlüssel notiert: sechs Hunde, sechs Klarinetten, nicht ganz so individuell wie die Ponys. Die Hunde bilden ein Rudel. «Scott quält mich in meinen Träumen», singt Amundsen.
Eine «double opera» nennen Miroslav Srnka und Tom Holloway ihr neues Stück, das von der Bayerischen Staatsoper in Auftrag gegeben und jetzt dort uraufgeführt wurde. Es strotzt von Symmetrien, von Parallelaktionen. Es lebt vom Aneinander-Vorbei. Amundsen und Scott sind sich nie begegnet. Und doch bleiben ihre Schicksale untrennbar miteinander verbunden. Ende 1911 brachen beide auf, um den Südpol zu erobern. ...
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Opernwelt März 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Stephan Mösch
JUBILARE
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