Der Liebe Not und Glück
Die Authentizität der Affekte ist absolut. Jedenfalls für jene utopischen Augenblicke einer gedehnten Zeit, die durch die ewigen Wandlungen der Wiederholungen in den Da capo-Arien ihre geheimnisvolle Dauer erfährt. Im Moment des Besingens von ersehnter und erfüllter, enttäuschter und verratener Liebe gibt es im Bühnenleben dieser Figuren nichts als genau dieses Gefühl. Die Charaktere sind ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Sie werten nicht, was ihnen da widerfährt, sie nehmen keine Metaebene zu sich selbst ein, sie drücken ihre Emotion ungefiltert aus.
Diese reine Affektwahrheit, der Händel seine Arienkunst schenkt, trifft stets ins Schwarze.
Wenn Pier Luigi Pizzi nun in seiner Inszenierung der ausschließlich Händels Werken gewidmeten Herbsttrilogie des Ravenna Festivals den Pfeile schießenden Amor als heimlichen (und stummen) Spielmacher einführt, dann gibt sich der Theatermann mitnichten einfallslos, sondern mit leichter Hand effektiv. Denn wer von Cupido getroffen wird, kann nicht anders, als seinem Gefühl zu folgen. Da nun aber jede und jeder in der arkadischen Pastorallandschaft des «Orlando» unschuldiges Opfer von Amors Geschoss werden kann, kommt es alsbald zu ...
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Opernwelt Januar 2026
Rubrik: Magazin, Seite 82
von Peter Krause
Es dauert lange, bis in dieser Inszenierung ein sprechendes Bild auf der Bühne zu sehen ist, eines, in dem Musik und Darstellung zu geglückter Ergänzung finden. Im vierten Akt erscheint ein Geiger im Frack in der traurigen U-Bahn-Unterwelt, in der sich «Ruslan und Ljudmila» in Hamburg meist zuträgt, und macht Straßenmusik. Aber was für eine: Das weit ausgreifende...
Anderthalb Jahre zuvor war Marco Štorman noch kurz vor der Premiere aus Freiburg abgereist: «Game on: Zauberflöte», Mozart als Wünsch-dir-was-Oper, wurde zu einem künstlerischen Desaster. Eine Wiedergutmachung also war der Regisseur dem Theater, dem Publikum und wohl auch sich selbst schuldig. Mit John Adams’ Oppenheimer-Oper «Doctor Atomic» begibt sich der...
Ambroise Thomas (1811–1896) hielt es mit der Weltliteratur. Seine beiden einstigen Erfolgsopern «Mignon» (1866) und «Hamlet» (1868), denen man inzwischen auf der Bühne kaum mehr begegnet, wagten sich an Goethe und Shakespeare. Aber bereits für die 1857 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführte «Psyché» plünderten die Librettisten Jules Barbier und Michel Carré das...
