Der Kuss des Parsifal

Gedankensatt, verwirrend, fesselnd: Benedikt von Peter inszeniert, Axel Kober dirigert Wagners Bühnenweihfestspiel in Basel

Opernwelt - Logo

Ein Anfang vor dem Anfang. Noch ehe der Dirigent den Taktstock hebt, hat Richard Wagners «Parsifal» in Basel bereits begonnen. Ein farbiger älterer Herr bahnt sich den Weg vors Parkett, blickt ernst ins Publikum, nimmt an dem Tischchen links vorn vorm Graben Platz, stützt den Kopf in die Hand, sinnt. Auf dem Tisch eine Lampe, eine Partitur und ein Foto von Zwillingen im Fußball-Dress, das der Mann bisweilen wehmütig betrachtet – vermutlich er selbst und sein Bruder Amfortas, einst. Er heißt auf dem Besetzungszettel «Der Autor».

Allan Evans ist es, ehedem in Basel engagiert und eben 70 geworden. Im Kopf dieses «Autors» entsteht das Werk, das er stumm mitvollzieht. Und manchmal auch (halb-)laut. Wenn er nämlich wichtige Sentenzen mitspricht, «Durch Mitleid wissend...» etwa, auch mal zeilenweise mitsingt. Immer öfter oben auf der Szene, übernimmt er den Titurel und, gar nicht so kurios, auch das Alt-Solo am ersten Akt-Ende. Er ist nicht unbedingt Richard Wagner, aber er ist in allen Figuren, hat an allen teil, lebt mit ihnen. «Alle Figuren fließen durch seinen Kopf», sagt sein Interpret in der Theaterzeitung. Ohne diese und die Hilfestellung des Programmbuches erschlösse sich das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Heinz W. Koch

Weitere Beiträge
Ein Operntag und «Wien um 1900»

Während ARD und ZDF längst keine ganzen Opern mehr ausstrahlen, blüht die Gattung auf arte. Neben den ohnehin regelmäßigen Übertragungen haben sich die Programmplaner für den Monat Mai etwas Besonderes ausgedacht. Weil am 7. und 8. Mai 2011 die «Europäischen Operntage» stattfinden, an denen sich über 100 Häuser des ganzen Kontinents beteiligen, sendet arte am 7....

Mit den Augen der Musik

Wenn Eimuntas Nekrosius in Vilnius zur Opernpremiere lädt, ist das für Litauen ein nationales Ereignis. Ursprünglich war sein «Otello» zum 90-jährigen Jubiläum der ersten stehenden Opern-Kompagnie des Landes geplant. Das Debakel seiner «Faust»-Inszenierung an der Mailänder Scala, wofür nicht zuletzt der Streik des Opernchores verantwortlich gemacht wird, stürzte...

Ganze Sache

Der Not gehorchend, aber alles andere als eine Notlösung: Weil der Orchestergraben keine 77 Musiker fasst, hat sich Hausherr Martin Schüler für das 1908 erbaute Jugendstiltheater einen «Ring des Nibelungen» einfallen lassen, der etwas anders ist als alle anderen Aufführungen und dennoch Wagners Vorstellungen insofern entspricht, als in Cottbus tatsächlich einmal...