Der Kavalier der späten Stunde
Übermannshohe Geschenkschachteln, die auf der Drehbühne kreisen, zum Wohnzimmer mutieren, zum Badezimmer, adligen Salon, unentwirrbaren Straßengeflecht. Wenn Fadinard bloß wüsste, in welcher dieser verdammte Florentiner Hut steckt! Der Hut einer nicht allzu ehrbaren Dame, den sein Pferd gefressen hat, ausgerechnet am Morgen des ersehnten Hochzeitstags. Weshalb ihm jetzt die Feiergesellschaft durch ganz Paris hinterherläuft und überall noch größeres Chaos anrichtet als er selbst.
Eine Farce, kreiert von Eugène Labiche, verfilmt 1939 mit Heinz Rühmann, zur Farsa musicale geformt von Nino Rota und als solche uraufgeführt 1955 in Palermo. Nino Rota? Richtig, der Komponist von «Il Gattopardo», «Der Pate» und über einem Dutzend Filmen von Federico Fellini. Von dem ein ebenso riesiges Schattenwerk existiert – zehn Opern, Symphonien und Solokonzerte, Kammerund Chormusik. Versunken in den Diskussionen des 20. Jahrhunderts über Gebrauchs- und absolute, tonale und atonale Musik, so schwarzweiß wie die Bühnenästhetik an der Oper Graz, die an einen nostalgischen italienischen Film erinnert – einen Film von lediglich eindreiviertel Stunden Länge, in denen Rota vier Akte nebst zwei Intermezzi ...
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Opernwelt Juli 2023
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Michael Stallknecht
Mit der Eröffnung des venezianischen Teatro di San Cassiano im Jahr 1637 für ein zahlendes Publikum wurde aus der hochartifiziellen höfischen Oper eine öffentliche, kommerzialisierte Kunstform. Zu den ersten Komponisten, die diesen Weg einschlugen, gehörte neben Benedetto Ferrari, Francesco Manelli, Francesco Sacrati und dem greisen Monteverdi auch Francesco...
Noch vor ein paar Jahren galt die Musik des 1880 in Moskau geborenen und 1951 in London gestorbenen Komponisten und Pianisten Nikolai Medtner als «Randrepertoire», als «Spezialsache für Spezialisten». Der vielfach ausgezeichnete Pianist Severin von Eckardstein war einer der Ersten, die sich selbstbewusst für Medtner aussprachen. 2007 spielte er erstmals prominent...
Die Herzen lassen sich nicht betrügen, aber Augentäuschungen zeigen sich allerorten. Von der Weihnachtsmärchen- geht es zur Barocktheaterillusion, vom Zimmer eines Riesen mit gigantischer Milchtüte der Hausmarke «si!» zum Schwetzinger Schlossgarten mit dem attraktiven Bild «Das Ende der Welt» am Ende eines Laubengangs. Selbst die tristen Pfeiler einer...
