Der Höhenforscher
Es ist großartig, John Osborn in einer Verdi-Rolle zu erleben, gerade weil das nicht seine Kernkompetenz ist. Den Alfredo in «La traviata» singt der US-Amerikaner darum so leicht und lyrisch, wie diese Rolle fast nie zu hören ist, es klingt eher französisch als italienisch; kein Schmettern nirgends. Seine Stimme wirkt aber auch nicht anämisch, sondern kernig, dazu mit ordentlicher, solider, sogar robuster Tiefe.
Eine makellose Höhe hat er ohnehin.
Das ist sein Beruf, wie er selbst sagt, aus diesem Grund kommen die Leute in die Vorstellung, mit seiner gepflegten Bruststimmenhöhe verdient er seit mehr als 30 Jahren sein Geld. Wenn John Osborn einen Spitzenton dehnt, dann fällt ihm das so unverschämt leicht, dass es nicht auftrumpfend, sondern beinahe schon lapidar wirkt. Wenn er, wie sollte es anders sein, über kurz oder lang wieder die mit hohen C’s gespickte Arie aus Donizettis «La fille du Régiment» singt (und nicht darauf verzichtet zu dokumentieren, dass das hohe C keineswegs der höchste Ton ist, den er singen kann), so sind die bizarren Gipfelpunkte der Bravour-Arie «Ah! Mes amis» bei ihm kein hörbarer Kraftakt. Man kann sich den Spaß, nein, die Freude machen, auf YouTube zum ...
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Opernwelt Jahrbuch 2024
Rubrik: Sänger des Jahres, Seite 24
von Judith von Sternburg
Seit jenem Tag des Jahres 2009, an dem die Stiftung Palazzetto Bru Zane ihre Arbeit aufgenommen hat, ist Bewegung in die doch leicht verkrustete Opernwelt gekommen – vor allem, was die Zeit zwischen 1780 und 1920 betrifft. Namensimmanentes Ziel des «Centre de musique romantique française» ist es seither, die Musik eben dieser «Epoche» zu erforschen und vor allem...
Es geht um Kolonialismus und um Raubbau, den Europäer in Afrika betrieben oder immer noch betreiben: Für das Musiktheater «Justice» taten sich der spanische Komponist Hèctor Parra und der kongolesische Librettist Fiston Mwanz Mujila zusammen. Hinzu kam für die Uraufführung am Grand Théâtre in Genf der politisch denkende Regisseur Milo Rau und mit dem Dirigenten...
Liebe Frau Schmid, liebe Frau Lwowski, lieber Herr Klink, Sie haben die Wahl: Ist das unmögliche Kunstwerk Oper eher eine Quantité négligeable, ein neofeudaler Luxus, eine politisch relevante Kunstform oder vielleicht sogar nur die reine ästhetische Seelenbeglückung?
Nora Schmid: Eine einfache Antwort auf diese Frage kann es nicht geben. Dennoch würde ich spontan...
