Aufführungen des Jahres 2024
In einer Welt, die sich zunehmend und vor allem zunehmend rasant verändert, fällt auch der Kunst eine andere Rolle zu: Sie kann und muss auf all die Kriege, Krisen und (klimabedingten) Katastrophen direkt und schneller reagieren. Ihre wesentliche Aufgabe besteht darin, dass sie der Macht der beschleunigten Bilder, die durch die fortschreitende Digitalisierung den gesamten Globus überfluten, eine «Macht der theatralen Bilder» entgegenzusetzen vermag. Darin liegt zwar die Gefahr einer Reizüberflutung, zugleich aber auch die Chance des (Musik-)Theaters.
Beleg sind jene fünf Neuproduktionen, die sich den Titel «Aufführung des Jahres» teilen und auf individuelle Weise heikle Themen behandelten. Eines eint sie: der Mut zur visuellen, dialektisch getünchten Drastik. «Moses und Aron» in Bonn, «Pique Dame» in Lyon, «Die Passagierin» in München, «Tannhäuser» in Frankfurt und «The Greek Passion» bei den Salzburger Festspielen 2023 – in all diesen Regiearbeiten wird ein ästhetischpolitischer Wille erkennbar, der die behandelten Themen couragiert beim Schopfe packt und sie kräftig durchschüttelt. Das ist gewiss nicht einfach für ein Publikum, das wohl in erster Linie nach Amüsement trachtet, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Jahrbuch 2024
Rubrik: Aufführungen des Jahres, Seite 48
von
Es geht um Kolonialismus und um Raubbau, den Europäer in Afrika betrieben oder immer noch betreiben: Für das Musiktheater «Justice» taten sich der spanische Komponist Hèctor Parra und der kongolesische Librettist Fiston Mwanz Mujila zusammen. Hinzu kam für die Uraufführung am Grand Théâtre in Genf der politisch denkende Regisseur Milo Rau und mit dem Dirigenten...
Von der Krise des Gesangs war immer schon und gern auch mit kritischem Blick auf Tenorstimmen die Rede – das Jammern darüber, dass es keine Corellis, Di Stefanos und Pavarottis mehr gebe, gehörte beinahe schon zum guten Ton auf diesem hartumkämpften Terrain. Ob Zufall oder nicht – gerade aus den Vereinigten Staaten von Amerika wehte in den vergangenen Jahrzehnten...
Søren Kierkegaard könnte helfen. In seinem Traktat «Die Wiederholung» bat er seine Leserinnen und Leser fast inständig darum, nicht an Dingen zu verzweifeln, die immer wieder aufs Neue vor ihnen stünden und sie an die Vergänglichkeit des Seins erinnerten. Man müsse, so der dänische Philosoph, Prosaist und dialektisch begabte, evangelisch-lutherische Theologe (dem...
