Der geweitete Blick
Ein Tisch ist ein Tisch ist ein Tisch? Nun ja, manchmal ist ein Tisch nicht mehr als ein bemühtes Requisit, hier aber ist er ein Füllhorn an Geschichte(n). An diesem Tisch (graues Resopal) haben sich Tragödien ereignet, individuelle, familiäre, gesellschaftliche; Tragödien, die stets am Rande der Groteske wohnen und doch tief ins Innere der Protagonisten blicken lassen, wo die allzu täglichen Qualen wohnen.
Also legt sie mächtig los, die Dame in ihrem strengen Faltenrock und züchtig dekolletierter Bluse.
Klappt das (imaginäre) Familienalbum, das sie mit sich herumträgt im blondbesträhnten Kopf, weiträumig auf, entblättert all ihren Kummer und Zorn. Binnen Minuten schrumpft die heilige Konstellation zu einem Kosmos aus Katastrophen, Klüngeleien und Komödien, die sich einst an diesem oder einem anderen Tisch wohl abgespielt haben mögen. Wie die Schauspielerin Annedore Kleist das auf der kongenialen, zu einer Garage sich schichtenden Projektionswände-Bühne von Oliver Proske vermittelt, ist nicht nur herrlich komisch. Es ist zugleich so unendlich traurig. Die Zwiebel, gehäutet, legt einen erschütterten Kern frei, und selbst die meist sanft-untergründige Musik vermag ihn nicht mehr ...
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Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Jürgen Otten
Australien ist kulturell heute weitgehend durch Europa geprägt – auf Kosten der Ureinwohner, die seit 60 000 Jahren auf dem Kontinent leben. Im Musiktheater wird diese Kolonisierung freilich selten thematisiert. Margaret Sutherlands Kammeroper «The Young Kabbarli» (1964) über die Sozialarbeiterin und Anthropologin Daisy Bates oder Andrew Schultz’ «Black River»...
Es gibt ihn also doch noch. Den roten Opernvorhang. Er teilt die Welt in ein Diesseits der schnöden Realität und ein Jenseits der magischen Möglichkeitsform des Musiktheaters. Just am Theater Luzern, wo der sonst gern selbst regieführende Intendant Benedikt von Peter in mutigen Raumkonzepten an der Aufhebung eben dieser Trennung arbeitet, behauptet die Oper dank...
Gemessen an den Preisen, die sie bislang abgeräumt hat – beispielsweise den Beverly Sills Award der Met (2018) und den Richard Tucker Award (2017) –, ist es schon fast erstaunlich, dass Nadine Sierra (30) erst jetzt bei einem Major Label ihr CD-Debüt gibt. Zumal die aus Florida stammende Sopranistin mit familiären Wurzeln in Puerto Rico und Portugal ziemlich genau...
