Der geweitete Blick

Das Künstlerkollektiv Nico and the Navigators feiert sein 20-jähriges Bestehen mit dem Musiktheater «Die Zukunft von gestern» in den Berliner Sophiensaelen

Ein Tisch ist ein Tisch ist ein Tisch? Nun ja, manchmal ist ein Tisch nicht mehr als ein bemühtes Requisit, hier aber ist er ein Füllhorn an Geschichte(n). An diesem Tisch (graues Resopal) haben sich Tragödien ereignet, individuelle, familiäre, gesellschaftliche; Tragödien, die stets am Rande der Groteske wohnen und doch tief ins Innere der Protagonisten blicken lassen, wo die allzu täglichen Qualen wohnen.

Also legt sie mächtig los, die Dame in ihrem strengen Faltenrock und züchtig dekolletierter Bluse.

Klappt das (imaginäre) Familien­album, das sie mit sich herumträgt im blondbesträhnten Kopf, weiträumig auf, entblättert all ihren Kummer und Zorn. Binnen Minuten schrumpft die heilige Konstellation zu einem Kosmos aus Katastrophen, Klüngeleien und Komödien, die sich einst an diesem oder einem anderen Tisch wohl abgespielt haben mögen. Wie die Schauspielerin Annedore Kleist das auf der kongenialen, zu einer Garage sich schichtenden Projektionswände-Bühne von Oliver Proske vermittelt, ist nicht nur herrlich komisch. Es ist zugleich so unendlich traurig. Die Zwiebel, gehäutet, legt einen erschütterten Kern frei, und selbst die meist sanft-untergründige Musik vermag ihn nicht mehr ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Jürgen Otten