Der geweitete Blick
Ein Tisch ist ein Tisch ist ein Tisch? Nun ja, manchmal ist ein Tisch nicht mehr als ein bemühtes Requisit, hier aber ist er ein Füllhorn an Geschichte(n). An diesem Tisch (graues Resopal) haben sich Tragödien ereignet, individuelle, familiäre, gesellschaftliche; Tragödien, die stets am Rande der Groteske wohnen und doch tief ins Innere der Protagonisten blicken lassen, wo die allzu täglichen Qualen wohnen.
Also legt sie mächtig los, die Dame in ihrem strengen Faltenrock und züchtig dekolletierter Bluse.
Klappt das (imaginäre) Familienalbum, das sie mit sich herumträgt im blondbesträhnten Kopf, weiträumig auf, entblättert all ihren Kummer und Zorn. Binnen Minuten schrumpft die heilige Konstellation zu einem Kosmos aus Katastrophen, Klüngeleien und Komödien, die sich einst an diesem oder einem anderen Tisch wohl abgespielt haben mögen. Wie die Schauspielerin Annedore Kleist das auf der kongenialen, zu einer Garage sich schichtenden Projektionswände-Bühne von Oliver Proske vermittelt, ist nicht nur herrlich komisch. Es ist zugleich so unendlich traurig. Die Zwiebel, gehäutet, legt einen erschütterten Kern frei, und selbst die meist sanft-untergründige Musik vermag ihn nicht mehr ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Jürgen Otten
Richard Wagners Wirkung muss magisch-magnetisch gewesen sein, anders lässt sich nicht erklären, dass so viele Menschen sich für seine Interessen einspannen ließen. Die Geldgeber waren die einen, beinahe wichtiger waren für Wagner die Propagandisten seines Werks in Wort und Tat. Ein enormer Kreis, dessen Persönlichkeiten mal mehr, mal weniger bekannt sind. Über die...
Natürlich dürfen wir uns Schumanns Faust nicht leibhaftig vorstellen. Als Grübler mit gebeugtem Kopf, zerfurchter Stirn, in fadenscheiniger Kluft. Auch Gretchen ist bei ihm nicht eine Verführte aus Fleisch und Blut, so wenig wie Mephisto ein hölleneifrig-zynischer Tatmensch, der ihren und manch anderen Fall einfädelt. In den Bruchstücken, die Schumann für sein...
Irgendwann während dieser Aufführung scheint es, als ob nicht Waffen und Wut gegen widrige Verhältnisse helfen, sondern allein Dezibel. Gegen die Bastionen der Mächtigen anschreien, das ist auch eines der Prinzipien, die Gottfried von Einem bei der Vertonung von «Dantons Tod» beherzigte. Es ist also sehr laut im Gärtnerplatztheater. Das hat nicht nur zu tun mit dem...
