Der diskrete Charme der Bourgeoisie
Einer der beiden Figaros dreht völlig durch, erdrosselt den frauengeilen Chef mit der Peitsche, um danach zu fliehen. Und der andere? Findet sich plötzlich als Gehilfe seines eigenen Autors wieder, um der vor Jahren enthaupteten Marie Antoinette ein unmoralisches Angebot zu machen: Geschichte zurückdrehen, Kopf wieder dran, dafür soll sie ins Bett mit Komödiendichter Beaumarchais. Hier kraus verschrägte Theaterebenen, dort Abbiegung in den Mord – es spricht Bände, wie zwei bayerische Musiktheater mit dem Figaro-Stoff umgehen und ihn auf die Bühne bringen.
Am Gärtnerplatz ließ man sich «Der tollste Tag» schreiben. Komponistin Johanna Doderer, hier schon mit «Liliom» und «Schuberts Reise nach Atzenbrugg» beauftragt, lehnt sich dabei an Peter Turrinis gleichnamiges Schauspiel von 1972 an. Der wiederum bediente sich bei Mozarts «Figaro», raffte und ließ das fingierte Stelldichein Almavivas mit Susanna tödlich enden: Die Revolution beginnt quasi im Garten des Grafen. Was bei Turrinis Schauspiel noch Nachhall der 1968er war, wird im Klangkleid Doderers und in der Regie von Hausherr Josef E. Köpplinger zum gefälligen Aufruhr: Mozart meets «Les Misérables». Erneut überrascht, wie ...
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Opernwelt Dezember 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Markus Thiel
Nach wie vor unter die Rubrik «Geheimtipp» fällt die Musik Nikolai Medtners. Das erstaunt, denn einem Erfolg seiner Werke beim Publikum sollte eigentlich nichts entgegenstehen: Gut zugänglich ist die Klangwelt des 1880 in Moskau geborenen und 1951 in London gestorbenen Pianisten und Komponisten, kraftvoll und sicher gearbeitet ist seine Musik, reich an Melodien und...
Zu den flirrenden Klängen der Ouvertüre wird in Tom Goossens’ Inszenierung von Verdis «La traviata» ein großer Scheinwerfer hinabgesenkt. Über ein meterlanges Kabel ist er mit einem Schaltpult verbunden, das von der Titelheldin selbst bedient wird. Immer mehr dieser Leuchtmittel senken sich herab und tauchen die Bühne in reines, strahlendes Licht. Es zeigt Violetta...
Gott, welch Dunkel hier! Als wären wir zu Gast im Schattenreich der Nyx, wo totale Finsternis herrscht, Licht nur in seiner trübseligsten Form Zugang zu finden vermag (und singende Kinder gar keinen Zutritt haben) und wo nun auch die Untoten das Sagen haben. Schon vor dem ersten Ton sieht man sie hin und her schleichen um die «Kirche des Gewesenen» – entleerte...
