Das Schwere so leicht
Himmel, hilf! So wohl muss man die Worte verstehen, mit denen sich Ägyptens geplagte Königin an die Götter wendet, in der Hoffnung, sie mögen ihren Qualen ein Ende setzen. Gefühlt 99 Mal haucht Cleopatra die Worte «giusto ciel» in den imaginären Saal, und immer flehentlicher klingt diese évocation sentimentale, immer verzweifelter, vergeblicher. Keine Frage, die Welt (der Liebe) ist aus den Fugen zu Beginn der Arie «Se pietà di me non senti», einer der ergreifendsten Stücke aus Händels «Giulio Cesare in Egitto».
Wäre man göttlicher Natur, und sei es nur für eine Weltsekunde, man würde Cleopatras Verlangen auf der Stelle nachgeben, so berührend, so inniglich klingt dieses Lamento über den monoton dahintropfenden Streicher-Achteln und dem obligaten Fagott, wenn Jeanine De Bique es singt, hauchzart begleitet vom Concerto Köln unter der Leitung von Luca Quintavalle. Jeder Ton ein Juwel, aber nicht artifiziell hergestellt, um ein technisches Können zu zelebrieren oder Emotion vorzugaukeln. Nein, dieses bebende Begehren ist authentisch und dazu noch wunderschön stilvoll ausgeschmückt.
Doch diese Cleopatra kann auch anders. Graun-hafter könnte man kalauern. Aus dessen Oper «Cesare e ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: CD des Monats, Seite 29
von Jürgen Otten
Bei seiner Premiere am 8. Dezember 1718 an der Pariser Académie royale de musique fiel das Werk durch. André Cardinal Destouches’ «Sémiramis» wurde nach nur einem Monat abgesetzt – und erst dreihundert Jahre später beim Festival d’Ambronay erneut aufgeführt. Die Oper über die sagenhafte babylonische Königin scheint das Pariser Publikum, dessen Geschmack damals mehr...
Seit dem Amtsantritt von Yannick Nézet-Séguin als Musikdirektor der Metropolitan Opera in der Saison 2018/19 legt das Haus – in diesen Dingen seit Mitte der 1930er-Jahre unbeständig und erst seit einigen Jahren langsam wieder im Aufwind – erkennbar größeren Wert auf die zeitgenössische Musik. Nach der Saisoneröffnung mit «Fire Shut Up in My Bones» von Terence...
Katjas Schicksal vollzieht sich in klaustrophobischer Enge. Drei identische Räume werden 100 Minuten lang über die Bühne geschoben. Wenn die Handlung kulminiert, öffnen sich große Tore, durch die Nebel dringt. Ein Draußen gibt es nicht, jedenfalls kein sichtbares. Ein schlüssiger Ansatz, doch die dramaturgischen Verluste sind enorm. Schon als Hobby-Meteorologe kann...
