Das Leid mit dem Lied
Das Lied leidet. Das ist nicht schlimm. Oder jedenfalls schadet es ihm nichts. Von Anbeginn war das Lied ein Zufluchtsort fürs Leid. Schlimm ist, dass sich kaum noch jemand fürs Lied interessiert. Vielleicht, weil sich kaum noch jemand fürs Leid interessiert. Nur, warum sind dann gefühlte 99 Prozent der sogenannten Pop-Musik gesungene, oft liedhafte Musik, warum singt zum Beispiel Gordon Matthew Thomas Sumner (Sting) ebenso berufen wie profitabel nicht nur, aber doch auch vom Leid? Was machen wir falsch? Schuberts Lieder sind ja nicht schlechter... Nur eben denkmalgeschützt.
Das (Kunst-)Lied steht vor dem Totalverlust seiner lebenswirklichen Relevanz. Wir sind dem Lied abhanden gekommen. Uns ist es nice to have, ihm sind wir gestorben. Wollen wir es wiedergewinnen und uns für seine Botschaft neu interessieren? Dann sollten wir aus dem Traum von Funktionalität und Machbarkeit recht bald erwachen, uns neu erfinden und wachsen – am Leid wie am Lied. Damit unser Leben uns zum Lied werden kann, so herzlich und aufrichtig.
Dann werden Sängerinnen und Sänger uns nicht länger glauben machen wollen, sie erlebten und fühlten Gretchens düsteres Entzücken oder das schmerzliche Unvermögen des ...
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Opernwelt April 2015
Rubrik: Impromptu, Seite 46
von Michael Gees
Seit sechs Jahrzehnten gibt es für die Hauptwerke der französischen Oper des 19. Jahrhunderts keine rein muttersprachlichen Ensembles mehr, stellt Jürgen Kesting im Booklet zu Piotr Beczalas «The French Collection» fest. Wo aber «nurmehr eine Versammlung polyglotter Sänger» Gounod, Massenet und Bizet interpretiere, beklagt der Stimmspezialist, gingen «die Merkmale...
Figaro ist los! Drei Monate lang hat sich Los Angeles unter dem Motto «Figaro Unbound» mit Ausstellungen, Seminaren, Theaterproduktionen und Filmprogrammen dem Geist der Französischen Revolution verschrieben und Beaumarchais’ Komödienvorlagen um die Figur des Figaro in den Mittelpunkt eines Festivals gestellt. Dessen Herzstück lieferte die Los Angeles Opera mit...
Politisches Musiktheater – was heißt das heute? Mit welchen Mitteln müssten, sollten, könnten Komponisten und Interpreten arbeiten, um aufzurütteln, Geist und Sinne zu sensibilisieren für das wunde Wunder unserer Welt? Gewiss, Oper war schon immer politisch: Macht und Revolte, die Dialektik von Herr und Knecht, die Utopie eines erfüllten, von aller Not befreiten...
