Das Geräusch, das denkt
Robert Schumann meinte zum Finale von Chopins b-Moll-Sonate ratlos-lakonisch: «Musik ist das nicht.» Was aber ist es dann? Abgründig nennt sie Victor Hugo «das Geräusch, das denkt»: der Klang als autonomes Subjekt. Beethovens Credo «Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie» hat den metaphysischen Anspruch noch einmal übersteigert: Komponieren stiftet Sinn. Ebendies ist Thema der Musikphilosophie. Wobei ideales Wesen der Tonkunst und konkrete Erfahrung nicht leicht synthetisierbar sind: Der Stachel übergeordneter Begrifflichkeit bleibt.
Insofern mag es kein Zufall sein, dass unlängst drei Bücher erschienen sind, die explizit das Wort Philosophie im Titel tragen. Diese hat eine große Tradition, für die vor allem Theodor W. Adorno steht. Der Frankfurter Philosoph und Soziologe, zugleich Komponist, hat mit außerordentlicher Stringenz versucht, in seiner «Philosophie der neuen Musik» (1948), Hegels Dialektik und das Komponieren der Schönberg-Schule ineinander zu verschränken. Auf eminentem Reflexions- wie Formulierungsniveau und mit kompositionstechnischem Detailvermögen gelang ihm in hohem Maß die «Vermittlung» von kritischer Gesellschaftstheorie und radikaler ...
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Opernwelt März 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Gerhard R. Koch
Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen überall hin. In der Lübecker Aufführung von Hector Berlioz’ «La Damnation de Faust» darf Marguerite nicht als unschuldige Seele dem Ruf der himmlischen Geister folgen. Sie ist vielmehr ein gefallener Engel, der sich in einen Vamp verwandelt und den Verderber umarmt, lasziv küsst: Méphistophélès. Marguerite hat viel...
Der erste Wagner-Verband wurde 1871 in Mannheim gegründet, zu einer Zeit also, als noch nicht einmal der Grundstein für das Bayreuther Festspielhaus gelegt war. Verantwortlich dafür war der Musikalienhändler Emil Heckel (1831-1908), dem Wagner später folgende Widmung schrieb: «Hat jeder Topf seinen Deckel, jeder Wagner seinen Heckel, dann lebt sich’s ohne Sorgen,...
Im Uraufführungsjahr von «Pelléas et Mélisande», 1902, schien die Welt alles Geheimnisvolle zu verlieren. Der Film fixierte Bewegungen, Röntgenstrahlen durchleuchteten den Körper, die Psychoanalyse das Unbewusste. Doch es gab auch den anderen Blick. Maurice Maeterlinck, Debussys Librettist, setzte dem Glauben an die Wissenschaft und dem naturalistischen Abbild eine...
