Cyberspace mit Trauerflor
Alles hängt in nachtgrauer Luft. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Himmel und Erde. Was war, was ist, was wird – niemand weiß das mehr zu sagen. Kalt fließt die Zeit, ohne Ursprung, ohne Ziel. Die letzte Stunde hat offenbar schon geschlagen, die Welt taumelt ihrem Ende unrettbar entgegen, wenn im Palau de Les Arts Reina Sofía unter den Augen der Königin die Nornen am Bühnenfirmament einschweben und über Loges Feuer in der Ferne parlieren. Stoische No-Future-Madonnen, die das Antlitz hinter Silbermasken verbergen und mit dem Schlimmsten rechnen.
Doch das Unheil, von dem sie wortreich künden, hat keine greifbare Gestalt. Es wuchert in Pixelbildern, die auf mobilen Leuchtpaneelen flimmern. Das Schicksalsseil, letztes Symbol einer sinnvollen Bestimmung und Geschichte, zerfasert digital, mutiert im Verlauf des strophischen Räsonnements der drei Damen zu einer anthropomorphen Gitterstruktur, aus der Flammen züngeln: Die Apokalypse von Walhall bahnt sich auf Screens an, das Schicksal der Götter und Menschen hängt an USB-Kabeln.
Liegt es an der virtuellen Auflösung der mythisch-archaischen Vorspielepisode zu Wagners Untergangsdrama, an der Aufhebung des realen (Bühnen-)Raums im ...
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Als die Met 1991 John Coriglianos «The Ghosts of Versailles» herausbrachte, war jedem klar, dass die Oper zu lang ist. Aber wen interessierte das? Corigliano und sein Librettist William M. Hoffmann hatten in dem von ihnen erfundenen Genre der grand opera buffa eine mitreißende Arbeit abgeliefert, in der Mozarts und Rossinis «Figaro»-Personal auf die Gespenster...
Frau Silja, in unserem letzten «Opernwelt»-Gespräch, das 1994 erschien, sagten Sie, es reize Sie auf der Bühne nur noch das «Unmachbare». Was ist das konkret?
Das «Unmachbare» ist nicht erklärbar, ebenso wenig wie die großen Gefühle. Sie trotzdem ohne falsches Pathos umzusetzen, ist für mich das Faszinierende der Oper.
Sie haben sich vor einigen Jahren taufen...
Wenn die Nachricht stimmt, ist es eine gute: Kirill Petrenko soll den Bayreuther «Ring» zum Jubiläumsjahr 2013 dirigieren. Das sagt mehr, als die beiden Halbschwestern, die die Festspiele in diesem Sommer erstmals leiten, sonst im Moment sagen wollen und können. Es bedeutet nämlich, dass Bayreuth bis 2015 glänzend aufgestellt ist, was die Dirigenten betrifft. Die...
