Charlottes Triumph
Als wär’s ein von Magritte gemalter Meteorit, liegt inmitten der Puppenstuben-Idylle ein großer Stein, auf dem die Titelfigur thront – am Schreibtisch. Regisseur und Ausstatter Jürgen Rose hat dieses Bild der Isolation sinnig erdacht, doch szenisch glaubhaft wird es nicht. Denn das Zeichen für die Omnipräsenz des Briefdichters würde erst Sinn machen, wenn er immer auf der Bühne wäre – wie die Senta in Harry Kupfers Bayreuther «Holländer». Aber dazu ließ sich Startenor Marcelo Alvarez offenbar nicht überreden.
Was er an Hände-tief-ins-Gesicht-Graben, Armrecken, Armrudern und Grimassieren demonstrierte, kann man nur regieresistent nennen. Nichts blieb von Goethes und Massenets Empfindsamkeit, nichts von zarter Schwärmerei, nichts vom Wechsel zwischen Glückseligkeit und Lebensüberdruss. Nichts auch von französischer Idiomatik. Stattdessen auch im Singen permanent Leidenschaft pur. Die freilich liegt Alvarez.
Was für eine großartige Partnerin hatte er in Sophie Koch! Wie sie als Charlotte mit einer kleinen Drehung des Körpers, einer Geste, einem Blick die unausgesprochene Abneigung zum vorbestimmten Gatten ausdrückt, wie sie im dritten Akt von der Sorge um ihren Geliebten und ...
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Wir sind ihr früher öfter begegnet, in der Nähe der Strudlhofstiege im neunten Wiener Gemeindebezirk. Wahrscheinlich hieß sie nicht Arabella, aber wir nannten sie so, weil sie uns irgendwie an Lisa della Casa erinnerte, die «Arabellissima» früherer Zeiten. Freilich, der Ort dieser anonymen Begegnungen ließe weniger an Hofmannsthal denken als an Heimito von Doderer...
In seinen zwei Jahre vor seinem Tod veröffentlichten Memoiren kommt Giovanni Pacini (1796-1871) auf den bestimmenden Einfluss Gioacchino Rossinis zu sprechen und macht sich mit einem Stoßseufzer Luft: «Alle folgten dem großen Stern, aber guter Gott! Was sollte man tun, wenn man sonst keine Möglichkeit hatte, sich über Wasser zu halten!»
Siebzig Opern hat der aus...
Die Lage bleibt unübersichtlich, die Suche nach Orientierung ein Abenteuer. So ungewiss, so haltlos wie das Leben im heutigen Russland, so brüchig ist auch das Verhältnis zu Tradition, Geschichte und Kunst geworden. Der allgemeinen Verunsicherung entsprechen ästhetische Provisorien, nicht zuletzt auf den (Musiktheater-)Bühnen. Wie hält man es mit Tschaikowsky,...
