Boulevardprop
Ausgerechnet wenn der berittene Bote im Finale alles aufklärt, wenn Mackie vom Galgen geholt und geadelt wird, da versagt das Pferd. Hat sich wahrscheinlich in die Kulissen verkrümelt, um den Kaviar-Eimer aus dem ersten Akt leer zu lecken. Oder feilt im Ballettsaal ein paar Gänge weiter an seinem Stepptanz. Der vorwitzige Gaul, in dem zwei Frauen stecken, mischt sich ja sonst gern ein. Eine hufklackernde Rampensau, ganz zum plaisier des Publikums. Und er gibt den Ton vor für den ganzen Abend.
«Die Dreigroschenoper» ist in Nürnberg weniger Agit-, sondern Boulevardprop. Einmal purzeln Pappschilder mit Parolen in fehlerhaftem Deutsch wie versehentlich die Bühnentreppe hinunter, sehr bezeichnend ist das.
Der regieführende Chef mag in manchen Augen der Brecht/Weill-Sause die Zähne gezogen haben. Doch Jens-Daniel Herzog dreht den Spieß einfach um. Statt ein Stück vorzuführen, das sich in Brechungen ständig selbst infrage stellt und begrinst, ist die Aufführung ein Schritt Richtung Normalisierung. Nivellierung inklusive. Vielleicht auch, weil sich der Kampfgeist der «Dreigroschenoper» zum Gutteil verflüchtigt hat, Aktualisierungen in den letzten Jahren wirkten eher bemüht statt ...
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Opernwelt März 2025
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Markus Thiel
Im 19. Jahrhundert war Polen, aufgeteilt unter Russland, Preußen und Österreich, als Nationalgebilde quasi nicht existent und auch musikalisch, zumal auf der Opernbühne, ein armes Mäuslein. Wäre da nicht Stanisław Moniuszko (1819–1872) gewesen, der 1858 in Warschau mit der Zweitfassung seiner Oper «Halka» auf den Plan trat. Die begeistert aufgenommene Aufführung...
Hans-Klaus Jungheinrich, lange Zeit der Musikkritiker der «Frankfurter Rundschau», starb vor sechs Jahren. Seine Bücher waren gefeiert worden. Sein Tod hinterließ eine Leerstelle. Kaum jemand hat sich Zeit seines Lebens so mit Musik beschäftigt wie er, so darüber nachgedacht, geschrieben, gesprochen. Menschen pilgerten zu ihm, lasen seinetwegen das Feuilleton des...
Der Schock sitzt bei denen, die sie kannten, nach wie vor tief. Im Juni vergangenen Jahres erlag die belgische Sopranistin Jodie Devos einem Krebsleiden, im Alter von nur 35 Jahren. Florian Sempey hat ihr nun sein neues Album mit Arien, Szenen, Duetten und Chören von Grétry, Gounod, Thomas, Donizetti, Tschaikowsky, Wagner, Orff und anderen zugeeignet – eine schöne...
