Blutende Herzen, brennende Kerzen

Und ewig lockt die Macht des Schicksals: Auf 420 Aufführungen brachte es ­«Carmen» im Jahr 2004. Die jüngsten Premieren führen nach Afrika (Berlin), in ­ein sächsisches Pseudo-Sevilla (Dresden) und in die spanische Halbwelt (Antwerpen)

Friedrich Nietzsche hat den stilistischen Sonderstatus von Georges Bizets «Carmen» wohl als Erster metaphorisch auf den Punkt gebracht: «Diese Musik ist heiter», schrieb er 1888, dreizehn Jahre nach der skandalumwitterten Urauffüh­rung an der Pariser Opéra Comique, «aber nicht von einer französischen oder deutschen Heiterkeit. Ihre Heiterkeit ist afrikanisch; sie hat das Verhängnis über sich, ihr Glück ist kurz, plötzlich, ohne Pardon.

» Man muss sich nicht unbedingt ins Bewusstsein rufen, dass Nietzsche Bizets Opus hier natürlich gegen den ehemaligen geistigen Wahlverwandten Wagner in Stellung bringt, um sein feines Gespür für die neue Qualität eines Werks zu bemerken, das sich weder nach dem Pomp der Grand Opéra streckt noch die Nonchalance der Operette imitiert, das weder Tragödie noch Komödie ist, vielmehr irgendwo in einer schwer fassbaren, schillernden Zwischenzone liegt. In einer Welt, die keine Erlösung, sondern allenfalls die Macht des Schicksals kennt.
Nicht gerade die lauschigsten Voraussetzungen also für die Verabreichung von Wunschkonzertseligkeiten bzw. Zigeunerinnen-Folklore, Corrida-Flair und Ganoven-Romantik, sollte man meinen. Geht es doch um ein Stück, dessen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Albrecht Thiemann und Boris Kehrmann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Lebensbewältigungstheater

Der Erfurter Oper ist mit diesem «Rosenkavalier» ein Wurf gelungen! Die Szene befragt die «Komödie für Musik» hintersinnig, entfaltet kluge Opulenz und gibt doch dem Theater, was des Theaters ist: in einer Welt zwischen kunstvoller Erfindung und dem Hofmanns­thal’schen «Hätte durchaus so sein können». Die Wahrheit, die dieses Stück jenseits seiner funkelnden...

Das zirkushafte Moment der Gefahr

Schauspieler, Dramaturgen, Dirigenten, Komponisten, Cineasten, Humoristen, Psychologen, Schriftsteller inszenieren Oper. Ist der Opernregisseur jemand, der nicht weiß, welchen Beruf er verfehlt hat?
Speziell hier in England, wo die Kunst gern diesen muffigen Geruch von Amateuraufführung und Gemeindesaal annimmt, lieben wir die Quereinsteiger. Etwa, wenn ein...

Glass: Galileo Galilei

Da hat einer das Teleskop erfunden, um die Sterne der Welt zu ergründen, und ist am Ende seines Lebens blind. «Habe ich zu viel gekniet oder zu wenig», fragt sich Galileo Galilei. Wurde er von Gott gestraft, weil er seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse vor der kirch­lichen Inquisition widerrief oder weil er tatsächlich Gott gelästert hat durch seine Einblicke...