Blicke ins Jenseits
In Poulencs «Dialogues des Carmélites», meint Michele Mariotti, seit dieser Spielzeit musikalischer Leiter des Teatro dell’Opera di Roma, gehe es um universelle Themen: «die Beziehung von Leben und Tod, die Angst, den Glauben an die eigenen Überzeugungen». Als gäbe es ein zartes Band zwischen Kunst und Wirklichkeit, tritt noch vor Beginn der Saisoneröffnungspremiere der Superintendent Francesco Giambrone vor den Vorhang, um eine Schweigeminute zu erbitten. Stunden zuvor hatte ein Erdrutsch auf Ischia etliche Todesopfer gefordert.
Das ungeschönte Draußen trifft auf eine herausgeputzte Festgesellschaft, schicksalhafte Härte auf betonte Leichtigkeit. Dieser Kontrast steht einem musikalischen Abend gegenüber, der es im Grau zwischen Schwarz und Weiß nicht schafft, klare Konturen zu ziehen.
Frankreich im Jahr 1794, die Revolution ist in vollem Gang. Blanche de la Force ist die von Angst durchglühte Tochter eines Marquis, die sich nicht zutraut, der Welt, wie sie ist, standzuhalten. Sie trifft die Entscheidung, sich den Karmelitinnen anzuschließen. Corinne Winters führt in ihrem Rollendebüt als Blanche einen ausgewogenen, vollen Sopran, dem mehr Reife innewohnt als man der jungen ...
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Opernwelt Januar 2023
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Katharina Stork
Diese Oper gehört allen.» So deutlich und unverblümt sagt es Myung-Whun Chung in seiner kurzen Begrüßungsrede, zu der ihn der Bürgermeister Venedigs in die prächtig dekorierten Sale Apollinee gebeten hat. Der koreanische Dirigent kommt geradewegs von der erfolgreichen «Falstaff»-Premiere, mit der die neue Saison am Teatro La Fenice eröffnet worden ist. Wie so viele...
Diesen Lapsus würde kein Lektor seinem Autor durchgehen lassen: Als Leonore in das Verlies hinabsteigt, wo ihr Gatte Florestan seit zwei Jahren wie ein Tier gehalten wird, erschießt sie mal eben schnell einen anderen Gefangenen, um sich sodann liebevoll ihrem unglücklichen Manne zuzuwenden. Ein schockierender Moment, nicht weil plötzlich die Pistole knallt, sondern...
Der Erzähler bringt es gleich zu Beginn auf den Punkt: «It is a curious story.» In der Tat, es ist eine seltsame Geschichte. Schon die Vorlage zu Benjamin Brittens 1954 in Venedig uraufgeführter Oper «The Turn of the Screw» ist es, Henry James’ gleichnamige Novelle von 1898. Darin wird, verkürzt gesagt, eine der wesentlichen Fragen unserer Existenz gestellt: Ist...
