Konzentrische Kreise
Ein Luxus-Loft, Glas, viel freie Flächen. An den Wänden glänzen gerahmte LPs und einige Gitarren, in der Mitte prangt ein Designerbett. Rechts hinten tanzen Wasserreflexe bläulich über die Wand: Aus dem Bad taucht, keuchend wie ein knapp dem Ertrinken Entronnener, Orpheus auf und spuckt Konsonanten. Bis er sich gefangen hat, hält Apollo mit langen Rezitationen vom Zuspielband die Stellung. Orpheus erstes gesungenes Wort ist, wie könnte es anders sein, «Eurydice».
Harrison Birtwistles «The Mask of Orpheus» ist auf die Bühne des Londoner Coliseums zurückgekehrt.
Hier wurde das Stück 1986 uraufgeführt, um dann 32 Jahre in der Versenkung zu verschwinden. Der Grund dafür erschließt sich ohne Weiteres. So vielfädig kommt die «Handlung» daher, dass die Synopsis im Programmheft fünf Seiten füllt. Die großflächig eingesetzten IRCAM-Tapes wirken heute aus der Zeit gefallen, geradezu retro-futuristisch. Es wird gesungen, gesprochen, geschwiegen, neben Sängern kommen auch Mimen bzw. Tänzer zum Einsatz (hier: Zirkusartisten). Die Hauptfiguren treten in dreifacher Ausführung auf. Zwei Dirigenten haben schwer zu tun. Libretto wie Musik bauen auf Wiederholungen und sorgen für eine ritualhafte ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Wiebke Roloff Halsey
Und ewig rumort die Antike. Mögen die erhabenen Mythen um Götter und Menschen an Signifikanz verloren haben, so treiben doch die uralten Stoffe weiter, zumal in Literatur, Theater, Oper und Film. Ob überhaupt, wann, wo und wie der Trojanische Krieg stattgefunden hat, ist strittig, nicht aber die Relevanz der Sujets: Die Atriden-Schrecknisse, das «Ilias»-Gemetzel,...
Auf einen solchen Titel muss man erst mal kommen: «Wenn Papageno für Elise einen Feuervogel fängt». Er charakterisiert nicht nur die Fantasie und Freude, mit der MARTIN GECK seine «Kleine Geschichte der Musik» (2006) geschrieben hat, ein blitzgescheites, wunderbar subjektives, auf 200 Seiten verdichtetes Kompendium «von der Urgesellschaft bis zum Hip-Hop», sondern...
«Wandrer heißt mich die Welt», singt der alternde Wotan im «Siegfried». Wie in allen wichtigen Figuren seiner Musikdramen steckt auch im Wanderer der Komponist selbst. Im Libretto ist das Wandern allerdings eher ein metaphorischer Akt. Wotan streift ruhelos durch die Welt, nachdem er zum Opfer seiner eigenen Verträge wurde. Machtlos, wie er ist, kann er nicht...
