Bayreuther Puppenkiste
Frech ist der Mann ja: Während seine Regisseurskollegen an den Opernhäusern der Welt unter dem schier unerfüllbaren Anspruch ächzen, eine gegenwartstaugliche Perspektive für Wagners «Ring»-Tetralogie zu finden, wirft der sechsunddreißigjährige Stefan Herheim kurzerhand das Werk, seinen Schöpfer und die gesamte Rezeptionsgeschichte von Nietzsche über Hitler bis zu den Bayreuther Festspielgästen des 21. Jahrhunderts in einen Topf.
Das Ganze dreimal umgerührt und mit einem Dutzend prächtiger Einfälle gewürzt – und fertig ist das «Rheingold», das jetzt an der lettischen Nationaloper den Start eines neuen, mit dem norwegischen Bergen Festival koproduzierten «Nordischen Rings» markiert. Das Bayreuther Festspielhaus selbst ist das Walhall, in das Herheim seine Götterfamilie einziehen lässt, und Gottvater Wotan ist, ebenso wie Loge, Alberich und Mime, nichts anderes als eine Erscheinungsform des Meisters selbst, der in seiner Villa Wahnfried am Flügel sitzt, inspirierend umschwebt von der deutschen Geisteselite eines halben Jahrtausends. Tiefsinniges Philosophieren über Macht und Menschheit interessiert den norwegischen Regie-Star nicht, stattdessen serviert er eine lockere ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Russisch-orientalisches Märchenspiel oder politische Farce? Rimsky-Korsakows «Goldener Hahn» bietet die beiden Schichten fast deckungsgleich, und so stellt sich für jeden Regisseur die Frage, ob das eine, ob das andere auf der Agenda steht. Die Versuchung des Politischen ist meist größer als die des Märchens. So auch in Kassel, wo Andrea Schwalbach die Oper ins...
Das Debüt ist lange her. Vor sechsundzwanzig Jahren dirigiert Daniel Barenboim den «Tristan» zum ersten Mal: an der Deutschen Oper Berlin, wenig später dann in Bayreuth. Damals waren viele, nicht nur im Orchester, skeptisch. Würde ein weltberühmter Pianist, der zwar das Orchestre de Paris leitete, aber wenig Opernerfahrung hatte, das wirklich hinkriegen?...
In Verdis 1862 für St. Petersburg komponierter Oper «La forza del destino» macht das Schicksal Überstunden. Gleich zu Beginn löst sich aus der Pistole des Mestizen Alvaro unbeabsichtigt ein Schuss und trifft den Marchese di Calatrava tödlich. Dem Fluch des Sterbenden fallen – nach einer Kette von absurden Fügungen des Schicksals – im Schlussbild nacheinander sein...
