Außenseiter

Jens-Daniel Herzog verschränkt in seiner Nürnberger Inszenierung von Kaija Saariahos «Innocence» geschickt beide Erzählebenen, Roland Böer erforscht mit klarem Blick die Klanglandschaften des Werks

Opernwelt - Logo

Die Klage eines der Überlebenden ist beredt: «Wir wurden zur störenden Erinnerung.» Augen zu, wegschieben, verdrängen fällt eben so viel leichter als erklären, durchdringen und bewältigen. Doch Letzteres funktioniert nicht, wenn zehn Jahre nach dem schrecklichen Vorfall plötzlich alles wieder präsent ist. In einer Familie, die Normalität spielt, so unbeirrt wie verzweifelt Schlussstriche ziehen will. Doch die werden von der Realität sofort verwischt. Auch deshalb ist «Innocence», die 2021 in Aix-en-Provence uraufgeführte letzte Oper von Kaija Saariaho, so aktuell.

Das Staatstheater Nürnberg ist bereits das vierte Produktionshaus, im kommenden April folgt die New Yorker Met.

Im Blick zurück, im Ringen um Erklärungen, in der schockierenden, hilflos machenden Konfrontation mit der Vergangenheit ist «Innocence» eine enge Verwandte der «Passagierin» von Mieczysław Weinberg. Und entfaltet doch, gerade weil Tage vor der Nürnberger Premiere ein Messerstecher durch einen englischen Zug wütete, eine ganz andere Wucht. Die fiktive Handlung ist täuschend echt. Ein Amokläufer erschießt in einer finnischen Schule neun Jugendliche. Zehn Jahre später heiratet sein Bruder, seine nichts ahnende ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Wie in einem Spiegel

Eine Steilvorlage für einen Vergleich bieten zwei neue «Rheingold»-Produktionen. Was sie eint, ist einmal die Tatsache, dass beide in Blickweite genau jenes Stroms stattfinden, auf dessen Grund das mythische Gold lagert. Zudem müssen sowohl die Oper Köln als auch das Theater Koblenz mit den Einschränkungen von Ersatzspielstätten leben. Das Drama von Köln ist...

Très charmant

Sandrine Piau ist selbst im Herbstglanz ihrer Stimme noch immer für ein Abenteuer gut – einen «Schritt zur Seite», wie sie im Booklet ihres neuen Albums schreibt, auf dem sie in Begleitung des Quatuor Psophos «die Osmose zwischen den Haaren der Bögen und der Körnung meiner Stimme» erforscht. Der Geiger, Komponist und Dirigent Jacques Gandard hat zehn...

Heilige Familie

Kleinod – dieses aus der Mode gekommene Wort muss für das Opernhaus in Passau erfunden worden sein. Von außen zu erkennen ist dies nicht sofort. Das Haus verbirgt sich hinter einer klassizistischen Fassade, muss über ein langes, eher nüchternes Foyer erwandert werden, das zwei Gebäude miteinander verbindet. Dann aber betritt man von der Rückseite her einen...