Ausgelöscht
Wie «Salome» ist der Einakter «Elektra» von Hofmannsthal und Strauss eine der großartigen Familienaufstellungen der Operngeschichte – und so sieht das wohl auch der Leipziger Schauspielintendant Enrico Lübbe. Er verbannt die Herrschertochter Elektra in seiner Bonner Inszenierung auf erfrischend unkomplizierte freudianische Art ins Unterstübchen des Palastes von Mykene – im Bühnenbild von Etienne Pluss erinnert er an den eiskalten Pomp von Hitlers Neuer Reichskanzlei.
Ganz unten, wo die Prachttreppe mit dem Goldgeländer endet und der Müll entsorgt wird, haust Elektra: irrer Blick, zerzaustes Haar, schmutziggelbe Tunika und völlig verbohrt in die Idee, ihren Vater Agamemnon (der selbst kein Vorbild an humaner Feinfühligkeit war) zu rächen. Der wurde von seiner Gattin Klytämnestra und ihrem Buhlen Aegist brutal im Bad hingemetzelt – die blutbesudelte Badewanne erkennt man zwischen den Müllsäcken neben einem Grammofon (hat Agamemnon Strauss gehört?), dem Apoll von Belvedere und anderem Kultur- und Vergangenheitsgerümpel.
Elektra ist die personifizierte Erkenntnis, dass Vergangenheit niemals zum Schweigen gebracht werden kann – vor allem nicht die böse, schuldbehaftete. Das betrifft ...
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Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Michael Struck-Schloen
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