Aus dem Leben eines Taugenichts

Opernwelt - Logo

Es gab einmal eine Zeit, in der sich Sänger und Kritiker so gut wie nie über den Weg liefen, geschweige denn miteinander sprachen. Und wenn sie’s taten, ging’s nicht immer gut. Da schüttete schon mal eine aufgebrachte Diva dem Schreiberling vor Wut ein Glas Wein ins ­Gesicht – wir alle kennen solche Geschichten. Ich erinnere mich gut an mein erstes Mal. Ich hatte schon fünfzehn Jahre auf der Bühne gestanden, da fand ich mich in einem dieser Flughafenbusse direkt neben der fiesesten Feder der Fleetstreet wieder. Mir wurde flau.

Beim Lesen meiner Kritiken hatte ich mir unsere Begegnung nämlich oft ausgemalt. Es würde hoch dramatisch, ganz große Oper sein, der Mann hinterrücks über mich herfallen. «SIE HABEN KEIN TALENT!», würde er kreischen und mir ein Messer zwischen die Schulterblätter rammen.

Was geschah stattdessen? Wir kamen ins Gespräch, und er entpuppte sich als ganz normaler Mensch. Schlimmer noch: Er schien sogar ganz nett. Es war enttäuschend.

Bisher steckte man als Sänger die Kinnhaken halt ein und weinte nachts leise in sein Kissen. Wenn’s ganz dicke kam, konnte man bei der Zeitung anrufen und sich aufregen. Habe ich mal gemacht. Da hatte mich jemand für ein Konzert ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Magazin, Seite 75
von Christopher Gillett

Weitere Beiträge
«Ali Baba» war nur der Anfang

Französische Operette, das ist in Deutschland fast immer Jacques Offenbach. Der aber war ja eigentlich Kölner und starb bereits 1880, als das Genre stilistisch gerade in voller Blüte stand. Zu Offenbachs Zeit war aber auch ein gewisser Florimond Ronger, genannt Hervé, sehr beliebt, zu dessen bekanntesten Stücken «Le petit Faust» und «Mam’zelle Nitouche» gehören....

Nachtstück

 

Es ist nicht so schlimm wie beim «Troubadour». Aber auch Verdis «Simon Boccanegra» erfordert einige Übersicht. Dass Liebe, Intrigen und Missverständnisse in ferner Vergangenheit wurzeln, wird den Figuren zum Verhängnis: Alle schauen wehmütig bis wütend zurück, anstatt sich um die Gestaltung der eigenen und der politischen Zukunft zu kümmern. Ganz besonders heikel...

Ein Abschied, ein Abgesang

Das schrägste, schmierigste, schaurig-schönste Faktotum dieser «Erzählungen» ist der schlaksige Weißkittel, Doktor Spalanzani. Irgendwo treibt er sich immer herum auf der Bühne des Teatro Real. Manchmal schiebt er eine abgedeckte Leiche quer durch die ranzige Halle, in deren Mitte Aktmodelle für ergraute Eleven posieren, die mit dem Kohlestift die Zeit totschlagen....