Auf der Flucht
Die Nacht der Liebe, sie ist Unter den Linden nicht Rausch, nicht Zauberspuk oder Krankheit, sondern eine Bedrohung. Ein Spiel, das Tristan nur zum Schein mitspielt. Weil es kein Entrinnen gibt aus dem Hause Marke. Weil Isolde nicht locker lässt, es wirklich ernst meint mit ihm, der am liebsten davongelaufen wäre. Zur Jagd mit der feierlaunigen Gesellschaft, die ihn eben noch wie ein Kokon umfangen hatte. Hinaus mit der Hörner Schall, fort von ihr, der Frau seines Chefs, die nicht lassen kann von der idée fixe, er sei die einzige, die wahre Liebe.
Den aus dem Vorspiel vertrauten, unerlösten, «seinen» Akkord, der Brangänes verzweifelt-schuldbeschwerte Warnungen grundiert («Des unseligen Tranks!»), womöglich hat er ihn heimlich im Nebenzimmer vernommen. Vielleicht auch die Erregung gespürt, die im Orchester schwillt, bevor er plötzlich aus der Deckung stürzt. Auf «stürmische Umarmungen» indes ist der Mann nicht vorbereitet. Geht erst mal Schampus holen, um sich Mut anzutrinken für die «hehrste, kühnste, schönste, seligste Lust». Ein flüchtiger Schwadroneur, der sich das Vokabular, den Tonfall der Ekstase überstreift wie sein Dinnerjacket. Ein aufgedrehter Charmeur, der wie ein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Albrecht Thiemann
Als sich in England die Alte-Musik-Bewegung mit ihrem «authentischen Klangbild» zu formieren begann, lästerte der Dirigent Neville Marriner, dies sei so etwas wie eine makrobiotische Bewegung der Musikszene. Allerdings war Marriners Academy of St Martin in the Fields eines jener Ensembles, die schon davor über die romantische Konzertauffassung hinaus nach...
Natürlich ist es nicht so gewesen. Natürlich haben Lenin, Albert Einstein, Paul Klee und ihre Ehefrauen sich um 1905 herum nie in Bern getroffen. Flankiert von dem Schriftsteller Robert Walser, der wie ein Flaneur um die Paare schwänzelt und deren «Formeln» von der Neuordnung der Welt in der Physik, der Bildenden Kunst und mit den Konjunktiven einer poetischen...
Als er Musikdirektor der Kent Opera war, damals Ende der 1980er-Jahre, passierte es: Der Eiserne Vorhang klemmte. Volles Haus, gespannte Gesichter, aber das Ding war einfach nicht zu bewegen. Was tun? Iván Fischer entschied sich, das singende Personal auf dem schmalen Streifen vor der Sperre agieren zu lassen. Und war mit dem Ergebnis hochzufrieden. Es sei einer...
