Auf den zweiten Blick
Bellinis «Puritaner», Stuttgart 2016: Historische Imagerie
Wieler/Morabito entfesseln auf Anna Viebrocks genial verschachtelter Szene – einer ruinösen, jetzt als Versammlungsraum, aber auch als Abstellschuppen genutzten Kirche – eine präzis konnotierte, bis ins Letzte ausgefeilte Bilderflut, die das verschachtelte Ineinander von historischem Rahmen und individuellem Schicksal ironisch bricht und zugleich mit Bedeutung auflädt.
Geschichte – um den dramaturgischen Meisterdenker Morabito zu zitieren – ist hier «historische Imagerie», erfundene, weil spielerisch aufgegriffene und verfremdete Wirklichkeit. Enrichetta und der wie ein Gockel in Samt, Seide und Federhut stolzierende Arturo treten auf, als wären sie den an der Wand gestapelten Gemälden des englischen Hofmalers Anthonis van Dyck entsprungen. Aber nicht weniger irreal – theatralisch eben – wirken die asketisch schmucklosen Puritaner, die Frauen im Schürzenkleid und züchtigen Kopfhäubchen, die Männer mit Gesangbüchern bewaffnet, die sie nicht aus der Hand legen.
(OW 9-10/2016)
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Opernwelt Jahrbuch 2016
Rubrik: Bühne und Kostüme des Jahres, Seite 18
von
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