Armer Schubert
Werktreue. Meist kursiert das Wort als Kampfbegriff. Wer es im Schilde führt, spielt sich gern als Retter auf. Des Wahren, Schönen und Guten. Der hohen Kunst und des reinen, einzigen Schöpferwillens. Der alten Theatertugenden. Wie stumpfes, schmutziges Glas sollen sie an diesem Panzer zerschellen, die Zumutungen, Bilder, Fragen der Gegenwart. Heute war gestern.
So predigen Missionare, die aus Ehrfurcht vor Letter, Punkt und Komma den Blick für den vitalen, wandelbaren, nie einzuhegenden Sinn des Werks verlieren.
Die Sehnsucht nach Wiedereinsetzung eines – vermeintlich mutwillig beschädigten – Erhabenen ist freilich ein schlechter Ratgeber, das zeigt die Erfahrung. Das Streben nach verlorener Größe kocht die verehrte Sache meist auf geistiges Postkartenformat ein. Blinde Einfalt, hehre Blöße.
Das musste vergangenes Jahr auch Schubert erleben, als der einst große Theatermann Peter Stein in Salzburg den vielgescholtenen «Fierrabras» zu rehabilitieren suchte. Mit Burghöfen und Felsenkulisse, mit Haremsdamen in Orientprospekten, mit «weißen» Christenmenschen und «finsteren» Muselmanen. Zum glücklichen Ende prangt ein rotes Herz über den im Namen des Kreuzes versöhnten Antagonisten. Alles ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 44
von Albrecht Thiemann
Beim letzten und bisher einzigen Mal Oper waren die Beteiligten reif für die Kollektivbeichte. Ausgerechnet hier, wo das Leiden des Herrn seit einem Pestgelübde nachgestellt wird, ließ Salome ihre sieben Schleier fallen – damals, 1996, im Rahmen der Richard-Strauss-Tage und als Besuch des Mariinsky-Theaters mit Valery Gergiev. Nur alle zehn Jahre das Theater zur...
Herr Kobéra, wofür stand ursprünglich das «neu» im Titel? Für die Musik? Oder die Szene?
Zunächst für Letzteres. Ausgangspunkt war 1990 eine Aufführung von Mozarts «Idomeneo» als Kontrapunkt zur damals laufenden Johannes-Schaaf-Inszenierung der Staatsoper. «Neu» meinte neue, aktuelle Herangehensweisen ans Musiktheater; im «Idomeneo» ging es um «Atomkraft – ja oder...
Herr Alagna, mit Rollen wie Énée und dem Cid haben Sie sich enorm entwickelt. Ist Vasco da Gama jetzt der größte Schritt für Sie?
Énée war ein viel größerer, ebenso Lancelot in «Roi Arthus» kürzlich in Paris. Und wenn man «Pagliacci» und «Cavalleria rusticana» an einem Abend singt, ist das auch kein Kinderspiel ... Also: nein, eigentlich nicht. Mit Eléazar in «La...
