Apostel der anderen Avantgarde
Der korpulente, sein kindlich-treuherziges Antlitz hinter einem Rauschebart verbergende Leif Segerstam unterschied sich schon rein äußerlich von allen anderen Meistern des Taktstocks; die Ähnlichkeit mit Brahms wurde von den Plattenlabels höchst dankbar ausgeschlachtet, US-Amerikaner sahen Santa Claus in ihm, und wer sich in Finnland ein wenig auskannte, den erinnerte er an Runensänger aus Lappland oder an die weltfremde Erscheinung eines Frans Eemil Sillanpää, des Nobelpreisträgers für Literatur.
Da sein Name zudem für eine symphonische Überproduktion stand, die zuletzt mit 370 Gattungsbeiträgen nebst ebenso vielen anderen Werken zu Buche schlug, erntete er in der Musikszene zwangsläufig Spott. Der wäre eventuell leichter zu ertragen gewesen, wenn die stereotypen Diffamierungen nicht sein wahres Profil vernebelt hätten: Segerstam war auch künstlerisch ein Unikum, eine inkommensurable Größe unter den Dirigenten unserer Tage; er besaß die Gabe, die auratische, idiomatische Individualität von Musikwerken zu gestalten. In seinen besten Momenten gelangen ihm, bei voller Kontrolle der klanglichen und emotionalen Balance, Deutungen von geradezu verstörender Intensität. Konzertbesucher ...
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Opernwelt November 2024
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Volker Tarnow
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