Das pure Vergnügen
Im Deutschen Nationaltheater Weimar lässt es die Opernsparte zum Spielzeitauftakt so richtig krachen. Am Ende der Uraufführung von Joachim Raffs «Samson» stürzt ein Tempel ein – und begräbt das gesamte Personal unter sich.
Der biblische Titelheld rächt sich so für die erlittene Demütigung. Seine Wandlung vom brutalen Kriegsherrn und Eroberer zum kompromissbereiten Liebenden, die er – gemäß der biblischen Vorlage und den Usancen des Genres – vor allem der gegnerischen Königstochter Delilah wegen vollzog, hat ihm nichts gebracht.
Seine eigenen Leute halten ihn für einen Verräter, und die bezwungenen Philister stimmten einem Diktatfrieden nur zu, um ihn zu vernichten. Nach einem priesterlichen Machtwort, das die Bedenken des Königs übertönt, wird Samson gefangengenommen, geblendet und eingesperrt. Delilah hilft in dieser Variante der Geschichte nur, weil sie hinters Licht geführt wurde – und geht bewusst mit ihm in den Tod.
Trotz der im Stück vorkommenden Brutalitäten ist Calixto Bieitos körperbetonte, in der Personenregie präzise Inszenierung im holzgetäfelten Einheitsraum mit absenkbarer und schließlich durchbrechender Decke nicht das eigentlich Spektakuläre. Bieto bleibt mit den ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Joachim Lange
Die Augen, die Wangenknochen, die Bewegungen – es könnte eine Enkelin von Cher sein, gesegnet mit einer Stimme, hell, höhensicher, schlank, mit apartem Vibrato, die für Susanna oder Cleopatra taugt. Doch die Frau ist ein Kerl, wie alle hier, somit authentisch: Zur Zeit der Uraufführung 1729, als die Geistlichkeit ihre Mätressen schwängerte, verbot sie gleichzeitig...
Wenn die Schmuggler zu Beginn des dritten Akts auf einer wackligen Hängebrücke, umgeben von grobflächig bemalten Gebirgskulissen, so tun, als könnten sie ihre heiße Ware nur mit größter Mühe über die Berge hieven, denkt man unweigerlich an die Stummfilmästhetik von vor hundert Jahren. Mithin an jene Filmkomödien, in denen ein Buster Keaton todesmutig in...
Die Revolution in Frankreich 1789 war auch eine der Oper. Erstmals wurden politische Tagesereignisse auf die Bühne gebracht, ohne mythologische oder komödiantische Verkleidung. Die zwischen 1792 und 1794 entstandenen Revolutionsopern von Grétry, Gossec und Méhul dienten unverhohlen der republikanischen Propaganda, die allerdings schon bald unter Napoleon nicht mehr...
