Aktion und Statik
In Fragebögen für Prominente findet sich die Rubrik «Lieblingskomponist»: Meist werden da die üblichen Verdächtigen genannt: Bach, Chopin, Verdi, Richard Strauss usw. So unbestreitbar deren Rang ist, so wenig lässt sich manchmal der Verdacht verdrängen, dass es sich da auch um Lippenbekenntnisse kultureller Wohlanständigkeit handelt. Bei zwei Komponisten allerdings könnte die Wahl auf einer Art Initialzündung beruhen: Hector Berlioz und Modest Mussorgsky. Beide gehören nicht zum deutschen Klassikerkanon, haben keine «echten» Sonaten, Sinfonien, Quartette, Fugen geschrieben.
Beim unsoliden Russen gibt es zudem die Tendenz zum Fragmentarischen, nicht zuletzt Fassungsprobleme.
Fragen, die sich bei seinem Hauptwerk «Boris Godunow» exemplarisch stellen. Steht am Anfang der weltweiten Rezeption doch eine eminente Fälschung doppelter Art. Nikolai Rimsky-Korsakows Umarbeitung hatte nicht nur aus gedrungener Kargheit ein überopulentes Panorama gemacht, sondern den Tod des Zaren an den Schluss gestellt, somit das «Volksdrama» (ein problematischer Begriff, der fälschlich kollektive Integrität suggeriert) in eine, obschon eindringliche, Individualtragödie umgemünzt, die der große Fjodor ...
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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Gerhard R. Koch
Arme Effi. Wie Theodor Fontane das Schicksal des Mädchens aus dem Havelland in seinem perfekt temperierten Roman beschreibt, geht noch immer unter die Haut. Die ins Korsett erstarrter Gesellschaftsregeln gezwängte Lebensfreude. Das naiv-provinzielle Aufsteigersehnen nach einem Leben in der Berliner Noblesse. Die innere Vereinsamung unter dem Regiment eines Gatten,...
Chaya Czernowin
Auch in ihrem neuen Stück, das an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt wird, unternimmt die israelische Komponistin eine Reise ins Innerste des Menschen: Ihr Musiktheater mit dem Titel «Heart Chamber» versteht sich als eine «Erforschung der Liebe» im 21. Jahrhundert. Claus Guth führt Regie, Johannes Kalitzke dirigiert, wir hören hin
Lorenzo...
Mit 43 Jahren ist Daniel Behle auf dem Absprung aus dem lyrischen Fach – er hat Partien wie Lohengrin (in Dortmund und Stuttgart) und Florestan (2020 in Hamburg) im Visier. So besehen hat sein Recital mit Arien aus sieben Mozart-Opern den Charakter eines Abschieds. Als er im September an Covent Garden den Ottavio sang, überzeugte der Tenor, wie zu lesen war, mit...
