Aktion und Statik

Mussorgsky: Boris Godunow
Mainz | Staatstheater

Opernwelt - Logo

In Fragebögen für Prominente findet sich die Rubrik «Lieblingskomponist»: Meist werden da die üblichen Verdächtigen genannt: Bach, Chopin, Verdi, Richard Strauss usw. So unbestreitbar deren Rang ist, so wenig lässt sich manchmal der Verdacht verdrängen, dass es sich da auch um Lippenbekenntnisse kultureller Wohlanständigkeit handelt. Bei zwei Komponisten allerdings könnte die Wahl auf einer Art Initialzündung beruhen: Hector Berlioz und Modest Mussorgsky. Beide gehören nicht zum deutschen Klassikerkanon, haben keine «echten» Sonaten, Sinfonien, Quartette, Fugen geschrieben.

Beim unsoliden Russen gibt es zudem die Tendenz zum Fragmentarischen, nicht zuletzt Fassungsprobleme.

Fragen, die sich bei seinem Hauptwerk «Boris Godunow» exemplarisch stellen. Steht am Anfang der weltweiten Rezeption doch eine eminente Fälschung doppelter Art. Nikolai Rimsky-Korsakows Umarbeitung hatte nicht nur aus gedrungener Kargheit ein überopulentes Panorama gemacht, sondern den Tod des Zaren an den Schluss gestellt, somit das «Volksdrama» (ein problematischer Begriff, der fälschlich kollektive Integrität suggeriert) in eine, obschon eindringliche, Individualtragödie umgemünzt, die der große Fjodor ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Gerhard R. Koch

Weitere Beiträge
Utopia im Nahen Osten

Weder Oper noch Oratorium. Nicht für die Bühne noch für sakrale Räume gedacht, sondern als «Dichtung» für den Konzertsaal. Robert Schumann stellte sich für das 1843 mit großem Erfolg in Leipzig uraufgeführte Werk «heitere Menschen» vor. «Das Paradies und die Peri»: eine unvergleichliche Komposition, inspiriert durch das erstmals 1817 erschienene Epos «Lalla Rookh»...

Tod im Schnee

Nach gut einer Stunde wird das erste Schwefelhölzchen gezündet, und auf einmal ist alles anders. Warmes Licht fällt auf die Szene, die sonst wie vor Kälte erstarrt, und auf der Bühne des Zürcher Opernhauses wird es lebendig. Als wäre das «kleine, arme Mädchen mit bloßem Kopfe und nackten Füßen» einen «Ritsch» lang eine Heilige, so wird es von einer Schar auf...

Aus alter Zeit

Man fühlt sich in den pastoralen Chor- und Chanson-Sätzen an die schöne Schlichtheit Glucks, in den Arien an die Seelentiefe und den Buffo-Geist Mozarts erinnert. Man genießt die tänzerische Champagnerspritzigkeit und die effektpralle Kontrastdynamik der französischen Barockoper, dazu die tollen Terzette, die lustvolle Lautmalerei. Und doch kommt uns kaum eine Note...