Abgedrehter Tango
Als Regisseurin von Filmen wie «Orlando» oder «The Tango Lesson» genießt Sally Potter Kultstatus. Nun gab sie an der English National Opera mit Bizets «Carmen» ihr Regiedebüt im Musiktheater. Die Produktion eröffnete die neue (manche Beobachter fürchten: letzte) Spielzeit der ENO. Potter, die ihre Karriere als Tänzerin begann, meinte eines der mit diesem Stück verbundenen Probleme dadurch zu lösen, dass sie sämtliche Dialoge strich. Die Hauptfiguren blieben schablonenhaft, ohne Tiefe, zumal die Regie selten zu einer fokussierten Haltung fand.
Im dritten Akt zum Beispiel schien Katie Van Kootens schön klingende Micaëla auf der Suche nach José («It seemed I could master my terror») völlig isoliert – weil die Regie die Szene nicht erklärt. Hinzu kam, dass Van Kooten die von Christopher Cowell besorgte neue, «aktualisierte» englische Fassung der (Arien-)Texte offenbar nicht lag. Alice Coote hatte mit der Titelpartie noch größere Mühe. Zweifellos ist sie eine gute Sängerin. Doch bis zur finalen Auseinandersetzung mit Julian Gavins unstetem, kehligem Don José war unklar, was Carmen eigentlich empfindet. Eher sprangen ihr rotes Kleid und der rote Mantel ins Auge, die aus Catherine ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Ähnelt die Turnhalle mit täuschend echt markiertem Parkettboden, den Mathis Neidhardt für Engelbert Humperdincks «Königskinder» in Zürich ausgelegt hat, nicht dem Klassenzimmer, in dem Peter Konwitschny seinen spektakulären Hamburger «Lohengrin» spielen ließ? Doch ein solches Zitat ist erlaubt, wenn man das Märchen-Libretto der «Königskinder» so gründlich und wach...
Von manchen außerabendländischen Ohren, aber auch von minder hochkunstmäßig geübten hiesigen, wird, so liest man, theatralisches Pathos, gehobenes Sprechen insgesamt, als eine Art von Wut, von Schimpfen empfunden. In gewisser Weise haben sich Komponisten und in der ferneren Folge auch Gesangskünstler diesen wohl in die Urmenschheit zurückreichenden,...
1955 wurde im «Simplicissimus» eine berühmt gewordene Karikatur gedruckt. Darauf der österreichische Kanzler Julius Raab mit Zither, Wienerlieder schnulzend, umgeben von schniefenden Sowjets. Dazu Außenminister Figl als mephistophelischer Einflüsterer: «Und jetzt noch die ‹Reblaus›, und dann sans waach». Als Resultat dieser von Ethanol bestimmten Meetings, in...
