Aberwitzig
Solche Abende gibt es. Sie heben hoch an, schütten aus extremer (Fall-)Höhe eine Unmenge an Bildern, Assoziationen und Allusionen auf die Bühne herab, sind für sich genommen virtuos in ihrer Diskursvernarrtheit – aber das eigentliche Stück, seine Psychologie, mehr noch: die musikalische Semantik vergessen sie darüber fast vollständig. Ein solcher Abend ist die Neuproduktion von «La forza del destino» in Frankfurt.
Natürlich kann und darf man fragen, welche Kontexte der Topos «Schicksal» heute eröffnet, wie viel von seinem emotionalen (und etymologischen) Gehalt übriggeblieben ist. Und ja, auch diese Oper Verdis, die am Main in der radikalen Sankt Petersburger Urfassung von 1862 aufgeführt wird, enthält gesellschaftlich relevante Elemente. Das Ganze jedoch als einen Parforceritt durch die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika anzulegen, dehnt die interpretatorischen Möglichkeiten denn doch zu sehr. Wenn Giuseppe Verdi überhaupt etwas dezidiert Politisches im Sinn hatte, war es der (ein Jahr vor der Uraufführung der Oper mit der Inthronisation Vittorio Emmanueles erfolgreich zum Ziel geführte) italienische Freiheitskampf, das Risorgimento. Eine szenische Abhandlung über ...
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Opernwelt März 2019
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Jürgen Otten
Ein Montagmorgen um zehn Uhr. Vor dem Künstlereingang der Oper an Covent Garden herrscht geschäftiges Treiben. Der imposante Bau summt wie ein Bienenstock, hinter der Bühne herrscht nüchterne Funktionalität, alles wirkt ein bisschen abgewetzt. Nichts ist hier zu ahnen von der samtroten, goldverzierten Gediegenheit des Zuschauerraums und der Foyers, in denen das...
Der Mord ist sorgsam vorbereitet. Kein Hörspiel könnte das besser, subtiler, spannender hinkriegen. Zuerst führt der Mörder sein Opfer in die allerschönste Natur. Dort singt er es – im Schatten von Myrthen – in den Schlaf. Die Arie, mit der das geschieht, ist Teil einer infamen Taktik, aber sie streichelt unser Ohr mit größter Zärtlichkeit. Der Text spricht von...
Herr Baumgarten, inszenieren Sie anders, seit Sie Professor sind?
Ja. Der intuitive Bereich, in dem man sich beim Inszenieren bewegt, wird einer rationalen Überprüfung unterzogen. Es ist so, als ob man über das Gehen noch mal nachdenkt. Dazu kommt, dass man durch die Studierenden permanent mit neuen Ideen, Texten und Konzepten konfrontiert wird, die in meiner...
