Ungeduld der Herzen
Zwei Geschwister. Anatol, Godot. Beide werden erwartet, mit dem kleinen, feinen Unterschied, dass Becketts Titelheld mehr zur Metapher taugt, während sein Bruder im Geiste real existiert. Seit 20 Jahren harrt die schöne Vanessa seiner Ankunft, unverdrossen, sehnsüchtig, in rituell-masochistischer Hingabe. Doch die Liebe hält das Warten aus. Anatol ist der Mann ihrer Träume, dahinter verblasst alles, selbst die Wirklichkeit.
Doch nur bis zu dem Punkt, wo das Traumgebilde zerstiebt: Als «Anatol» in der Abgeschiedenheit der Bergwelt erscheint, ist es nicht der Geliebte (der, kurz nachdem er seine Ankunft annonciert hatte, unvermittelt verstorben ist), sondern dessen gleichnamiger Sohn. Der Schock sitzt tief.
Gut möglich, dass Gian Carlo Menotti an Schnitzler dachte, als er das Libretto zu Samuel Barbers einziger Oper dichtete. Die erotischen Verästelungen und Verstrebungen der Geschichte indes legen es nahe: Kaum hat der schneidige Gast das mondän-weißkühle Herrenhaus betreten, das Ausstatter Ulrich Schulz auf die Magdeburger Bühne gebaut hat, verwirren sich die Gefühle bis hin zur (schicksalhaften) Unglaubwürdigkeit. Doch was soll’s, Kunst ist doch stets trompe l’œil, alles ...
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Opernwelt März 2019
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Jürgen Otten
Schon während des Vorspiels zum Prolog ist hinter einem Gazevorhang eine Albtraumszene zu erkennen: Fahles Mondlicht fällt auf eine stuckverzierte Wand, im diffusen Licht zeichnet sich eine geschwungene Treppe ab, hinten ragt die Pranke eines monströsen, echsenartigen Tieres hervor. Dann ertönt aus dem Off eine helle Evangelisten-Stimme – und aus dem...
Die Handlung spielt in Paris, doch wäre sie nicht besser im flämischen Antwerpen, der Stadt der Juweliere und Diamantenveredler, verortet? Immerhin ist Paul Hindemiths «Cardillac», die Geschichte vom Goldschmied, der seine Produkte zwar verkauft, seine Kunden aber dann meuchlings ermordet, um sich die Kunstwerke zurückholen und allein an ihnen delektieren zu...
Es war ein mutiger, gewiss auch überambitionierter, weil szenisch nicht bewältigter Abend, an dem sich Demis Volpi in Saarbrücken mit dem finstersten aller griechischen Mythen auseinandersetzte – mit Medea, die zugleich Liebende und Rächende, Opfer und Täterin ist. Multiperspektivisch, aber unverbunden nebeneinandergestellt, konfrontiert er den...
