Fülle des Wohllauts
Es gibt zwei Typen von Countertenören: die herben und die lieblichen. Unter den Pionieren überwog die erste Kategorie. Ausnahme-Künstler wie Alfred Deller (aktiv: 1949-1979), Paul Esswood (seit 1965), James Bowman (seit 1967) oder René Jacobs (seit 1973) hatten – bei aller Meisterschaft und allen Unterschieden - immer einen Stich ins Grelle. Mitte der neunziger Jahre kam die Wende. Die Pioniere, die noch alles selbst herausfinden mussten, waren zu Lehrern geworden.
Aufbauend auf ihren Experimenten wurde die Technik, die Kopfstimme umfassender mit dem Resonanzraum des Brustkastens zu verbinden, systematisiert und perfektioniert. Das Falsett gewann an Fülle, Farbe, Ausgeglichenheit, Rundung und «Natürlichkeit»: ein Quantensprung. Er hat dazu geführt, dass es heute Belcanto-Countertenöre gibt (siehe die Themen-Schwerpunkte in OW 4/1997 und 6/2007). Philippe Jaroussky ist einer der herausragenden unter ihnen.
Dabei war dem 1978 geborenen Pariser die «Alte Musik» keineswegs in die Wiege gelegt. Prokofjew und Schostakowitsch hießen seine frühen Götter. Auf Violine und Klavier hatte sich der Teenager spezialisiert. Nach dem Abitur nahm er ein Kompositionsstudium auf. Ein Konzert und die ...
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