Außer sich
In der zweiten Folge ihres Recitals bekannter und wenig bekannter französischer Opern spannt Véronique Gens den Bogen von Rameaus «Les Paladins» bis zu Berlioz’ «Les Troyens», also über ein Jahrhundert, in dem sich in der französischen Kultur und Politik viel bewegt hat. Alceste, Antigone, Didon, Hermione und Cassandre drücken im Gewand der Antike auch die Befindlichkeiten der jeweiligen Entstehungszeit der Opern aus.
Der Titel «Tragédiennes» mag irreführen, denn eine Tragödin im eigentlichen Sinne ist Véronique Gens nicht.
Der empfindsame Ton steht ihr näher als das exaltierte Furioso. Entsprechend singt sie in Cherubinis «Médée» auch keine Arie der Titelheldin, sondern den Klagegesang der Neris, die sonst mit einem Mezzo besetzt wird. In allen Frauenfiguren dieser Kollektion präsentiert sich Gens als eine femme fragile, die durch den Druck der äußeren Umstände außer sich gerät. Und die Talens Lyriques unter Christophe Rousset heizen ihr dabei gewaltig ein. Sensibilität und die Delikatesse ihres Vortrags bestricken, doch wirkt die helle, klare Sopranfarbe der Stimme auf die Dauer etwas einförmig in einem Repertoire, das nach dunklen Abschattierungen verlangt.
Véronique Gens: ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das könnte Sie auch interessieren:
Interview mit Veronique Gens
Es ist ein eifersüchtiger, unnahbarer, grausamer Gott, den die Menschen vor der Aufklärung zu fürchten hatten: jenen mit der eisernen Maske. Auch die Gedichte von John Donne (1572-1631), dem englischen Mystiker, künden von der Furcht vor Verdammnis wie von einer vagen Hoffnung auf Vergebung. Benjamin Britten vertonte sie 1945 nach der Uraufführung seiner Oper...
Der Magnet liegt 60 Kilometer entfernt und übt gerade mit «Aida» und «Macbeth» am Nationaltheater und dem jungen Verdi am Gärtnerplatz große Anziehungskräfte aus. Wie sich also gegen München behaupten? Mit seinem neuen «Don Carlos» gelingt das dem Theater Augsburg locker. Ohnehin hat sich hier seit 2007, dem Amtsantritt von Intendantin Juliane Votteler,...
Wow! Joyce DiDonato als Vamp auf dem Umschlag ihres Rossini-Albums, in einer luftigen eierschalenfarbigen Kostümkreation, die Hüften weich umschmeichelnd, mit einem inspirierenden Dekolleté. Das Pin-Up zur Verkaufsförderung ist ja heute en vogue. Freilich, die amerikanische Mezzosopranistin macht keine jener Karrieren, bei denen das Auge das Ohr korrumpiert,...
