Noah Haidle; Foto: Max Zerrahn
Das Eigengesetz der Vorstellungskraft
I. American Way
Am Rand meiner Heimatstadt Grand Rapids in Michigan (wo dieses Stück spielt, wie die meisten meiner Stücke) liegt die Firmenzentrale des multinationalen Direktvertriebkonzerns «Amway», eine Abkürzung für American Way. Ein Sektenexperte beschreibt den Konzern so: «Amway verkauft ein Marketing- und Motivationssystem, Lebenssinn und Lebensstil mit der Inbrunst von Kundgebungen und politisch-religiösen Wiedererweckungsbewegungen.
»
Vor vielen Jahren, nach ein paar schweren Schicksalsschlägen, heuerte meine Tante Fay bei Amway als «Beraterin» an, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, und verkaufte Kosmetika und Lebensstil in unserer Nachbarschaft.
«Für immer schön» ist ihr gewidmet.
Eine Tür-zu-Tür-Verkäuferin von Schönheitsartikeln ist ein leichtes Ziel, ein amerikanischer Archetyp der Lächerlichkeit. Aber wenn es meine Absicht gewesen wäre, meine Tante lächerlich zu machen, hätte ich ihr das Stück weder gewidmet, noch würde ich hier explizit über ihr Leben sprechen. Obwohl ich dieser Bemerkung voranstellen sollte, dass ich die meiste Zeit meines Lebens Fay durchaus für eine Witzfigur gehalten habe. Ein Bild des Jammers! Ein Leben als Farce! In ihrer Welt war der ...
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Theater heute Oktober 2017
Rubrik: Essay, Seite 52
von Noah Haidle
Reinickendorf ist ein eher unspektakulärer Stadtbezirk im Nordosten Berlins. Er hat circa eine Viertelmillion Einwohner, wird seit Menschengedenken von einer soliden CDU-Mehrheit regiert, war nie in der Versuchung, auch nur annäherungsweise hip zu werden, und beherbergt unter anderem die «Dicke Marie», Berlins mit angeblich 800 Jahren ältesten Baum, eine imposante...
Für Tante Fay
Wer meint, er kann, der kann. Und wer meint, er kann nicht, der hat Recht.
Mary Kay Ash
Gründerin von Mary KayCosmetics
Personen
(in der Reihenfolge ihres Auftretens)
Cookie, Anfang vierzig. Handelsvertreterin für Kosmetik.
Heather, zwanzig plus. Ehemals auszubildende Handelsvertreterin für Kosmetik.
Vera, vierzig plus. Ehemals Cookies Nachbarin.
Dan, zwanzig...
Am 27. und 28. Juni 2015 schrieb Jan Fabre Theatergeschichte. Damals brachte der belgische Allroundkünstler beim Berliner Festival Foreign Affairs die 24-stündige Performance «Mount Olympus» zur Uraufführung (TH 6 und 8-9/15), in der er fast alle griechischen Tragödien auf einmal inszenierte, um so die in die Jahre gekommene Katharsis neu zu beleben. Die...
