Um Kopf und Kragen

„Rigoletto“ auf der Bregenzer Seebühne im Sommer 2019

Giuseppe Verdis schaurig-schöne Oper „Rigoletto“ war in diesem Jahr zum ersten Mal auf der Bregenzer Seebühne zu erleben. Die Bühnenbildidee des Regisseurs und Ausstatters Philipp Stölzl – Teile einer überdimensionalen Marionette – spiegelt das Schicksal der Hauptperson wider. Das technisch aufwendige, bewegte Bühnenbild nahm das Publikum in ein zirkushaftes Treiben mit.

Als das erste der drei Meisterwerke von Giuseppe Verdi gilt „Rigoletto“ vor „Il trovatore“ und „La traviata“ und begründete seinen Weltruhm.

Die Oper besticht durch bewusst gesetzte drastische Effekte und schmissige Melodien. Umso verwunderlicher, dass dieses beliebte Stück erst nach 73 Spielzeiten nach Bregenz gefunden hat. Philipp Stölzl setzte „Rigoletto“ nun erstmals auf der Seebühne nicht nur in Szene, sondern entwarf auch zusammen mit Heike Vollmer die Ausstattung und kreierte darüber hinaus mithilfe von Georg Veit die Lichtstimmungen – entstanden ist ein spektakuläres Gesamtkunstwerk. 

Stölzl hat eine facettenreiche Laufbahn vorzuweisen, die ihm in Bregenz zugutekommt: Er absolvierte unter der Intendanz von Dieter Dorn an den Münchner Kammerspielen eine Ausbildung zum Bühnenbildner und begann als Assistent von Jürgen Rose und Ezio Toffolutti. Er war zunächst bis 1996 als Bühnen- und Kostümbildner an deutschen Theatern tätig. Ab 1997 drehte er Werbefilme und Musikvideos. Ab 2002 folgten Kinofilme, u. a. „Nordwand“, „Goethe!“ und „Der Medicus“. Auch an Verdis Werk hatte er sich bereits angenähert, im Jahr 2013 mit „Il trovatore“ am Theater an der Wien und an der Staatsoper Berlin. Stölzl stammt aus einer Familie, in der Kunst und Kultur gepflegt wurden. Sein Vater Christoph, von 2000 bis 2001 Wissenschaftssenator in Berlin, war bis 1984 Direktor des Münchner Stadtmuseums, dessen Sammlung Puppentheater und volkstümliche Attraktionen wie Jahrmärkte, Varieté und Zirkus umfasst. All das dürfte Philipp Stölzl zweifellos stark geprägt haben. Das Bühnenbild in Bregenz sollte eine Marionette sein – eine meterhohe, vollbewegliche Puppe über dem Bodensee. Welch eine Vorstellung! 

Das Regiekonzept

Interessant erschien Stölzl Verdis Aufgeschlossenheit für die damals modernste Bühnentechnik, um beispielsweise Donner und Blitze im Takt der Musik zu erzeugen und dreidimensionale Bühnenbauten zu gestalten. Vorbilder für die Optik des figürlichen Bühnenbilds – verschiedene Clowns und avantgardistische Marionettenfiguren – findet man auch im Münchner Stadtmuseum. Stölzl hatte zudem 2009 in Berlin die Royal-de-Luxe-Kompagnie aus Nantes in Frankreich zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls gesehen. Fünf bis zwölf Meter hohe, tonnenschwere Figuren aus Holz und Stahl, die über Seilzüge bewegt wurden, wiesen ihm den Weg zu seiner Bühnenbildidee. Wie groß musste dann die Enttäuschung sein, als sich die Umsetzung von voll beweglichen Ganzkörperfiguren auf der Seebühne in Dimensionen von rund 20 Metern aus technischen, aber vor allem finanziellen Gründen nicht durchführen ließ!

Nach einigen anderen Überlegungen kam schließlich die rettende Idee: Dem Rigoletto stehe doch schon von Beginn des Stücks an das Wasser bis zum Hals. Nur der Kopf mit Kragen und die Hände in Manschetten ragen noch aus dem See. Mit dieser Vorgabe konnte man weiterplanen. Dabei waren Stölzls Filmerfahrungen hilfreich: Er programmierte im Vorfeld schon einen Animationsfilm mit sämtlichen Einstellungen der Oper, alle Bewegungen der Clownsfigur und der Darsteller sowie alle Lichtstimmungen, passend zur Musik. Parallel dazu musste die Bühne geplant, gebaut und installiert werden. Verantwortlich hierfür ist seit 2015 der Technische Leiter der Festspiele, Wolfgang Urstadt. Er koordiniert alle Gewerke, muss Rahmenbedingungen und Grenzen ausloten sowohl was Technik, Maschinenbau, Sicherheit als auch die Budgetierung angeht.

Eine Bühne in Bewegung

Nur ein kleiner Teil der Bregenzer Seebühne bleibt Sommer wie Winter stehen: Zur festen Anlage gehören der etwa 500 Quadratmeter große Betonkern mit Maskenräumen, Aufenthaltsräumen für Requisite, Beleuchtung, Ton und Betriebsräumen mit den Verstärkern für den Ton und dem Stromverteiler, dem Taucher-Container mit Aggregat zum Flaschenfüllen sowie dem Rotkreuzraum. Früher spielte hier das Orchester, das nun im Festspielhaus musiziert. Die 576 Quadratmeter große Hinterbühne steht auf 300 Lärchenpfählen. Auf ihr befinden sich Garderoben, Maskenräume, eine Tee- und Suppenküche sowie Aufenthaltsflächen für die Feuerwehr, Betriebsräume für die Effekte und zwei Hydraulikaggregate, die die Schnecken- und Zylinderantriebe mit Hydrauliköl versorgen, eines der Baubüros sowie ein Anlegesteg für Rettungsboote. 

Von der Planung bis zu den letzten Endkorrekturen des neuen Bühnenbilds von „Rigoletto“ benötigte man drei Jahre, die Bauzeit betrug zehn Monate. 46 Technikfirmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren an den Arbeiten beteiligt. Gleichzeitig waren auch zwölf Festspieltechniker inklusive Kranführer mit dem Bühnenaufbau beschäftigt. Die Bühne steht auf 119 Pfählen oder Piloten aus Fichtenholz oder Stahl mit einer Maximallänge von 14 Metern und einem Durchmesser von 30 bis 45 cm, die sechs Meter tief in den Boden gerammt wurden. Je Pilot wurde eine Belastung von bis zu 20 Tonnen berechnet. Es wurden Kabeltrassen verlegt für Strom sowie Zu- und Abwasser. Auch für die Beleuchtung des Stegs und der Fluchtwege wurden Stromleitungen installiert. Der Zugangssteg aus Alu-Paneelen steht auf Stahlpfählen. Insgesamt 98 Personen, also 29 Techniker, 10 Statisten, 11 Solisten, 20 Chormitglieder, 21 Stuntmen und -women sowie sieben Musiker müssen eine Stunde vor der Aufführung bereits über ihn auf die Bühne gegangen sein.

Der Kopf des Clowns, in dem bis zu 13 Akteure gleichzeitig auftreten, misst vom Unterkiefer bis zur Schädeldecke, in der eine Klappe zum Herausklettern angebracht ist, rund 13,5 Meter und ist rund 11,3 Meter breit. Er wiegt alleine rund 35 Tonnen, mit seiner Unterkonstruktion 140 Tonnen. Darin befinden sich fünf Lautsprecher. Die Kaschur besteht aus Styropor, Fassadenputz und mehreren Farbschichten. Sie wird getragen von einer Konstruktion aus Stahl und Holz. Um den Kopf herum flattern beleuchtete Fähnchen aus Außenplakatstoff. Die abnehmbare Nase ist aus glasfaserverstärktem Kunststoff gebildet. Kinn und Lippen sind ebenfalls abnehmbar und bestehen aus Stahl, GFK, darüber Strukturputz und Farbe. Die Augäpfel haben einen Durchmesser von 2,7 Metern. Darin befinden sich die Augen aus Stahl und Styropor, beschichtet mit Epoxidharz. Eine 34 Meter lange Wippe trägt und bewegt den Kopf. Sie steht auf einem Standard-Drehkranz, hat einen Schwenkbereich von 94 Grad und ein Eigengewicht von etwa 100 Tonnen. Elektromechanische Antriebe bewegen die Augen, öffnen und schließen die Lider und drehen den Kopf. 

Die linksseitige Hand, „Lindau“, aus Stahl, Holz, Styropor und Fassadenputz misst von der Handkrause bis zur gespreizten Mittelfingerspitze rund 11,5 Meter, bei aufrecht stehender, gestreckter Hand. Die Bewegungen der Finger aus Aluminium erfolgen über hydraulische Schwenkantriebe und entsprechen durch sechs Gelenke im Wesentlichen den Bewegungen einer menschlichen Hand. Hängepunkte ermöglichen Stunts. Die rechtsseitige Hand, „Bregenz“, misst von der Handkrause bis zum Zeigefinger rund sechs Meter. In diesem sind zwei Lautsprecherboxen eingebaut. Ein mit Helium gefüllter Fesselballon ist darüber positioniert. In der Hand „Bregenz“ befindet sich auch die Ballonhalterung. Eine Seilwinde ist für die Auf- und Abwärtsbewegung des Ballons zuständig, drei manuell gesteuerte Winden befinden sich an den Seilen, die den Ballon auf Position halten sollen. Er hat einen Durchmesser von 13 Metern und ist in der oberen Kammer mit 1300 Kubikmetern Helium und in der unteren Kammer mit Luft befüllt. Die Außenhülle besteht aus bedrucktem Kunststoff für Heliumballone. Der Ballon wurde über die europäische Luftfahrtbehörde zertifiziert und hat eine eigene Nummer: OE-RIG für Österreich und „Rigoletto“. Stets ist ein professioneller Ballonfahrer vor Ort, der bestimmt, ob er bei den Wetterverhältnissen benutzt werden darf. 

Hauptsächlich bespielt wird der 338 Quadratmeter große Kragen aus Stahl und Holz, belegt mit Brettsperrholz- und Dreischichtholzplatten, darüber Strukturputz. Er steht auf insgesamt 31 Pfählen und ist in einen festen Teil sowie drei bewegliche Elemente gegliedert, die auf einer Stahlkonstruktion, die auf Pfählen steht, gleiten. Die Kragenbewegungen erfolgen durch Seilzüge; die Teile laufen mit Rollen auf einem Schienensystem, das wie Hubpodien funktioniert. Schräge Fahrten verlaufen über die Neigung des Schienensystems. Je eine Elektroseilwinde bewegt einen Kragenteil; die Seile laufen über mehrere Umlaufrollen. Wenn die Kragenteile auseinandergebrochen sind, fahren elektromechanische Antriebe die Schwenkbrücke bzw. Kragenteile. Die Handkrausen bestehen aus Stahl, Betonelementen und Holz und wurden mit farbigen Streifen bemalt. Sie stehen auf Holzpfählen, darauf wurden Stahlpiloten mit einer Ausgleichskonstruktion montiert. 

Licht und Ton: etablierte und neue Systeme

An drei Türmen (aus umgebauten Kranteilen) sind sowohl Ton- als auch Lichttechnik installiert. Die beiden Fundamente der Tontürme konnten von der „Carmen“-Produktion übernommen werden, das Fundament für den Beleuchtungsturm aus vier Pfählen und einer Ausgleichskonstruktion wurde neu gebaut. Dieser Turm steht auf einem 12 mal 12 Meter messenden Kreuz aus Stahlträgern auf 24 Holzpfählen. Für die Montage des Krankreuzes waren Taucher erforderlich. Für die Lichtstimmungen wurden über 300 unterschiedliche Scheinwerfer mit einer Gesamtleistung von 500.000 Watt installiert, davon 60 Moving-Lights. Aus Kostengründen wird eine Mischung aus Kauf- und Leihsystem betrieben. Ein speziell konstruierter mehrfarbiger LED-Scheinwerfer beleuchtet den Fesselballon von innen. Für die nostalgische Zirkusatmosphäre blieben Stölzl und Veit im Bereich der konventionellen Lichtgestaltung, beispielweise mit viel Einsatz von Verfolgerspots. 

Für die Bregenzer Festspiele wurde 2004 damit begonnen, ein eigenes Soundsystem, Bregenz Open Acoustic („BOA“), mit der Wellenfeldsynthese zu entwickeln. In drei Bauabschnitten wird nun ein neues System etabliert: In der vergangenen Saison wurde ein neues Lawo-Pult installiert, dieses Jahr wurde das BOA-Band entfernt und ein neues Lautsprecher-Setting designt. Im nächsten Jahr soll ein Richtungsmischer vom Fraunhofer Institut hinzukommen. Das System der Raumsimulation ermöglicht ein Raum-Richtungshören. Tonsignale von den Solisten auf der Seebühne, die mit Mikroports ausgestattet sind, vom Orchester aus dem Festspielhaus sowie zusätzliche Zuspielungen von Effekten werden über Digitalfunkstrecken zur Tonregie, die auf zwei Personen aufgeteilt ist, im Haus gesendet, neu abgemischt und über ein Glasfasernetzwerk verschickt. Mit dem vergleichenden Blick auf die Videosimulation und die aktuelle Positionierung der Solisten über das Panoramafenster des Regieraums kann eine Feinjustierung durch den Richtungsmischer erfolgen. Die Gesamt-Musikleistung auf der Seebühne beträgt 220.000 Watt, die auf der See-Tribüne 90.000 Watt. 

Bilder von großer Geste

Der technische Aufwand, an dem so viele Gewerke beteiligt waren, hat sich am Ende gelohnt: Es entstehen wunderbare Bilder, die trotz aller Monumentalität die Intimität des Kammerspiels glaubwürdig vermitteln. Das Publikum wird anfangs in die zirkushafte Atmosphäre eingestimmt. Die Bühnenmusiker sowie Stuntmen und -women kommen als Artisten durch den Zuschauerraum, stelzenlaufend, jonglierend und musizierend über den Steg auf die Seebühne. Ein Concierge tritt über die Schädelklappe in 14 Metern Höhe auf, begrüßt alle mit großer Geste – über dem Bodensee geht langsam die Sonne unter. Auf dem linken Bühnenturm erscheint ein Clown im gelb-grün-silbern gestreiften Kostüm mit einem Luftballon in der Hand. Wie eine Marionette an Schnüren gezogen schwebt ein Stuntman in weitem Bogen Richtung Bühne, taucht ins Wasser, sogleich tritt der ebenso gekleidete Hofnarr Rigoletto auf die Bühne. Der Kopf der Riesenpuppe erwacht nach der Ouvertüre zum Leben, schlägt die Augenlider auf, blickt zum Stuntman, hebt die Hand und verfolgt dessen Ankunft. Was für ein Auftakt! 

Ein rauschendes Fest am Hof des Herzogs von Mantua beginnt; bunt kostümierte Darsteller tummeln sich auf der Halskrause, auf dem Kopf, im Mund, einer krabbelt vom Zeigefinger in den Mund. Der Herzog erzählt von der Begegnung mit einer unbekannten Schönen, ist aber entflammt von der verheirateten Gräfin von Ceprano. Sie wird vom Mund des Riesenkopfs, der in das Gemach des Herzogs führt, genüsslich verspeist. Rigoletto hat dabei den Part des boshaften Komplizen mit seinem Herrn; er verspottet sowohl den eifersüchtigen Grafen von Ceprano als auch den unglücklichen Grafen Monterone. Im violetten Frack mit schwarzem Zylinder spricht Monterone den „Fluch des weinenden Vaters“ aus, während die Bühne in leuchtendes Blutrot getaucht wird. Nur die Glaskörper der Augen funkeln stechend weiß im Nachthimmel.

Im zweiten Akt zeigt sich der Hofnarr Rigoletto geduckt und ängstlich. Die Lichtgestaltung unterstreicht seine Stimmung durch ein tiefes Blau. Sparafucile im schwarz-weißen Knochenmann-Kostüm tritt hinzu und bietet ihm seine Dienste als Berufsmörder an. Auch diese unheimliche Begegnung hat Rigoletto eingeschüchtert. Er vergleicht sich mit dem Verbrecher: Jener, Sparafucile, töte mit dem Dolch, er selbst mit seinem Lachen. Vom Palast, den man sich im Kopf des Riesenclowns vorstellen muss, gelangt er zu seinem Haus, der linken Hand, trifft freudig auf seine Tochter Gilda, die auf einer Schaukel am Zeigefinger sitzt. Nach Rigolettos Abgang umgarnt sie der Herzog erfolgreich, als Student mit Brille und Doktorhut notdürftig verkleidet. Schon sammeln sich die maskierten Hofschranzen, um Gilda zu entführen – den bösartigen Narren halten sie für ihren Liebhaber. Sie setzen Rigoletto eine Eselsmaske auf und lassen sich bei der Entführung von der vorgeblichen Gräfin von Ceprano helfen. Gilda wird in den hell von innen erleuchteten Fesselballon gezerrt. Sie turnt auch noch in 15 Metern Höhe auf dem Rand des Ballonkorbs herum. Der Riesenclown hält den Ballon in der Hand und sieht sie erwartungsvoll an. Rigoletto jedoch erkennt entsetzt, dass seine eigene Tochter entführt wurde. So setzt die Dekonstruktion sowohl seiner Autorität als auch des Bühnenriesen ein: Die Augen rollen aus dem Schädel, die Nase fällt heraus. Der entstandene Hohlraum gibt den Blick frei in das Gemach des Herzogs, in das Gilda gebracht wird, während Rigoletto vor Schmerz bebt. 

Im dritten Akt will sich Rigoletto am Herzog rächen, seine Tochter Gilda von Mantua nach Verona schicken. Der Herzog in der Rolle des Frauenhelden lässt in der linken Riesenhand im Takt der Musik und seiner Peitschenschläge vier Frauen als ein Mobile der Männerfantasien zappeln. Aus einem der leeren Augen des rot beleuchteten Riesenschädels beobachten Rigoletto und Gilda das aufreizende Spiel des Herzogs mit der Messerwerferin Maddalena, Sparafuciles Schwester. Das Grauen steigert sich immer mehr: Um den entstellten Schädel tosen Blitz und Donner, aus den leeren Augenhöhlen regnet es. Gilda wird anstelle des Herzogs erstochen, für den sie sich aus Liebe opfert. Als sich das Gewitter verzieht, will sich Rigoletto den Leichnam des Herzogs ausliefern lassen. Als er den Sack zum Wasser schleppen will, hört er von oben den Herzog in einer Hängematte selbstgefällig sein „La donna è mobile“ trällern. Entsetzt schlitzt er den Sack auf und findet Gilda, deren Seele mit dem Ballon zum Himmel aufsteigt. Auch der Riesenclown hat ausgespielt, zurück bleibt nur der blanke Totenkopf. 

Die Steuerungstechnik

Für „Rigoletto“ kam in Bregenz die bislang komplexeste Steuerungstechnik zum Einsatz. Die gesamte Aufführung ist in Einzelbewegungen, sogenannte Cues unterteilt, die jeweils mit einem unverwechselbaren Kommando verbunden wurden. Jede Fahrbewegung wurde in Abgleich mit Stölzls Animationsfilm programmiert sowie einer Sicherheitsanalyse hinsichtlich Antriebsgrade, Lasten und Geschwindigkeit unterzogen und getestet. Jeder Mitwirkende muss während der Aufführung seine genauen Positionen kennen und einhalten. Diese Positionen wurden schon im Film geplant, markiert und auf der Bühne sicherheitstechnisch überprüft: Die heikelste Phase stellte die Inbetriebnahme im Mai dar; die Notstopp-Tests, die TÜV-Prüfung und die ziviltechnische Prüfung mussten erfolgreich durchlaufen werden, dann erst durften die Darsteller auf die Bühne kommen. Zwei von insgesamt fünf Pultfahrern steuern die Bewegungen an zwei Bedienpulten; ein Operator übernimmt alle Bewegungen des Kopfes und des Kragens, der andere die der Hand „Lindau“. Enorme Massen werden auf diese Weise bewegt: Um den Kopf innerhalb von 27 Sekunden von 14,5 Grad nach minus 28 Grad zu drehen, ist ein hydraulischer Druck von bis zu 160 bar notwendig. Neun Überwachungskameras liefern den Pultfahrern Bilder auch aus unzugänglichen Blickwinkeln. Zusätzlich stehen an acht Positionen Personen, die auf einen Nothalt drücken können. Die unmittelbare Koordination der beiden Bedienpulte fügt sich in die Teamarbeit ein: Der Inspizient gibt die Kommandos, die Bühnenmeister auf der Bühne sind vor allem für die Sicherheit und den korrekten Ablauf zuständig. Der technische Proben- und Vorstellungsleiter sitzt in seinem als „Wetterküche“ bezeichneten Arbeitsraum, der sich oberhalb der Zuschauertribüne befindet, und ist übergeordnet für die Sicherheit und den Vorstellungsablauf zuständig. Über Funk stehen alle miteinander in ständigem Kontakt. Unvorhergesehene Ereignisse können dazu führen, dass Cues abgebrochen und dadurch Einstellungen übersprungen werden müssen, beispielsweise bei Gewichtsverlagerungen oder wenn, wie am 20. Juli, wegen Windböen der Ballon nicht fahren darf. Die Sicherheit bleibt immer das oberste Prinzip. Doch dies das Publikum nicht merken zu lassen, ist auch ein Teil der Kunst.

Für diese Saison sind alle Karten ausverkauft. Es folgt die Wiederaufnahme ab 23. Juli 2020. In der übernächsten Saison, im Jahr 2021, wird „Madama Butterfly“ von Giacomo Puccini auf der Seebühne zu sehen sein mit spektakulären Lichtinnovationen. 

„Rigoletto“

Regie: Philipp Stölzl
Bühne: Philipp Stölzl, Heike Vollmer
Licht: Philipp Stölzl, Georg Veit
Kostüme: Kathi Maurer
Musikalische Leitung: Enrique Mazzola
Technischer Leiter: Wolfgang Urstadt


BTR Ausgabe 4 2019
Rubrik: Thema: Messen & Festspiele, Seite 14
von Eva Maria Fischer