Platz für Tradition und Toleranz

West Kowloon Cultural District: Eine Stadt der Künste für Hongkong

Nichts fürchtet Hongkong mehr, als von China vorzeitig verschlungen zu werden. Man geht in dieser Handelsmetropole nicht nur auf die Straße, man gönnt sich auch eine ganze Stadt aus Theatern. Eine der größten Bühnen- und Museumslandschaften der Welt entsteht derzeit im Schatten nicht nur riesiger Wohntürme, die Hongkong wie eine gigantische Maschine erscheinen lassen, sondern auch im Schatten von Protesten und Demonstrationen, die seit dem Sommer die Welt in Atem halten.

Mehr als sieben Millionen Menschen teilen sich den wenigen Platz, den Hongkong bietet.

Die Stadt steht auf einer Inselgruppe am Perlflussdelta, auf ehrfurchtgebietend steilen Berghängen. Baugrund hier ist ein Vermögen wert. In dieser bis auf den letzten Zentimeter genutzten Metropole sind Gebäude mit 110 Stockwerken allein ökonomischer Vernunft geschuldet. Am Fuß solcher Riesen demonstrieren nicht nur Millionen Einwohner. Auch die Stadtregierung hat sich, lange vor den Protesten, diesem „Marsch der Millionen“, Sorgen um die Zukunft gemacht. Die Identität Hongkongs fußt auf einem eigenständigen Recht, und jede Einflussnahme auf diese Gesetze, etwa durch die von China geforderte Novelle der Auslieferung von Straftätern, führt reflexhaft zu Widerstand. Rechtssicherheit, das ist ein Grundpfeiler der Identität Hongkongs. Ein anderer Pfeiler ist die Kultur dieser Stadt, in der Kantonesisch und Englisch gesprochen wird. 

Um die Kultur Hongkongs zu bewahren, wird derzeit, fast unbemerkt von den Medien, ein gewaltiger Theater- und Museumskomplex errichtet. Sechs Bühnen, drei Museen und mehrere multifunktional nutzbare Veranstaltungsflächen entstehen im ehemaligen Victoria-
Hafen auf der Halbinsel Kowloon, genau vis-à-vis des weltberühmten Finanzdistrikts. Wassergrundstücke sind besonders begehrt. Der Plan, die Kultur in bester Lage anzusiedeln, wäre ein „Profit-Transfer zugunsten der Kunst“, schimpfte ein Immobilien-Tycoon über dieses Bauprojekt, das bald eine ganze Stadt der Künste mitten in dieser quirligen Stadt beherbergen soll. West Kowloon Cultural District heißt das kostspielige, 2,4 Milliarden Euro teure Projekt. 

Eine alte Bühne im neuen Palast

Am Eingang zum 40 Hektar großen „Kunstpark“ – allein die Freifläche umfasst 23 Hektar – ragt seit Januar dieses Jahres das Xiqu Centre empor, der Erstling in der Großfamilie aus hochmodernen Bühnenbauten. Es ist ein wahrhaft imposantes Theater aus der Werkstatt der Architektenbüros Revery Architecture und Ronald Lu & Partners, ansässig in Hongkong und im kanadischen Vancouver. Wie publikumswirksam sich das 1982 gegründete Büro auf Kultureinrichtungen spezialisiert hat, macht bereits das gigantische Atrium dieses bemerkenswerten Theaterbaus deutlich. Anders als in die Trutzburgen europäischer Theaterarchitektur läuft man hier eher wie aus Versehen in ein Gebäude hinein, dessen Eingangsbereich wirkt wie ein öffentlicher Raum. Nur ein zentral erhöhtes Podium verweist auf die Funktion, ein Theater sein zu wollen. Auf einer aus Marmor terrassierten, runden Bühne steht ein winzig wirkender, traditioneller Holzbau, die nachgebaute Opernbühne aus einem chinesischen Dorf. 

Dieses neue Xiqu Centre (sprich: Schi-Ku) dient ausschließlich der klassischen chinesischen Oper und seiner etwa 1200 Jahre alten Tradition. Ungefähr 400 lokale und historische Varianten der volksnahen Opernform – die bekannteste dürfte die Peking-Oper sein – finden in diesem insgesamt achtstöckigen Palast ihre Heimat. Zu erleben sind Original‑opern in einem großen Theatersaal mit über 1000 Sitzplätzen, es gibt auch Ausschnitte aus den Opern in einem sogenannten Teehaus-Theater mit 200 Stühlen. Und daneben befinden sich acht Probenstudios, von denen zwei es durch eine Deckenhöhe von acht Metern erlauben, auch Produktionen in originaler Bühnengröße vorzubereiten oder in Werkstattaufführungen zu präsentieren.

Toleranz als Stärke

Von außen betrachtet, falls man einen Platz findet, um den Bau überhaupt in Gänze auf sich wirken zu lassen, sieht die Fassade des Xiqu Centre aus wie ein im Karree dem Theater umgehängter Bühnenvorhang, der vor dem Eingang zu einem Spalt geöffnet ist. Dieses Portal soll ein Mondtor repräsentieren, nicht das aus „Game of Thrones“, sondern ein rundes Entree wie es vor traditionellen chinesischen Gärten einst üblich war. Kee Hong Low, Leiter dieses und der noch kommenden Theater in West Kowloon, erklärt den theaterpädagogischen Gedanken: Man wolle einen niederschwelligen Zugang zu diesem Kulturtempel, „der das immaterielle Welterbe unter anderem der Kunqu-Oper und der Yueye-Oper bewahrt“. 

Im gewaltigen Foyer führt eine Rolltreppe einen Stock höher hinein in das Teehaus-Theater, das für jedermann, auch für Europäer, verständliche, kurze Darbietungen dieses Erbes zeigt. Das Ambiente erinnert eher an einen Herrenclub. Während der Vorstellung wird Tee und Gebäck gereicht. Hier hört man beim Plausch auch kritische Töne, etwa bei der Bezeichnung dieses Theaters. „Xiqu“ ist Mandarin, heißt Oper, und keine Vokabel aus dem in Hongkong gesprochenen Kantonesisch. Kee Hong Low lächelt diese Differenz beiseite. „Toleranz ist durchaus eine Stärke Hongkongs“, sagt er. Um ein erstes, im Teehaus-Theater erahntes Wissen um die kantonesischen Operntradition zu vertiefen, begibt man sich in einen Seminarraum ein weiteres Stockwerk höher, bevor es in den ganz großen Saal unter dem Dach geht. 

Hier oben, in luftiger, vor allem schwingungsfreier Höhe werden vollständige Rekonstruktionen klassischer Opern gezeigt, etwa die Eröffnungsinszenierung, „Die Verjüngung der roten Pflaumenblüte“, aus der mittelalterlichen Yuan-Dynastie, die es auf bis zu sieben Stunden Spieldauer bringt. „Man promoviert sich sozusagen vom Foyer bis hoch unters Dach in der persönlichen Meisterschaft, eine solch alte Opernkunst verstehen zu können“, sagt Kee Hong Low. 

Gesetze lassen sich auch ändern

Zurück im ersten Rang des Teehauses spielt die eigens gegründete Tea House Rising Stars Troupe auf. Man sieht über die Zuschauer hinweg auf eine mit viel Tropenholz getäfelte und gerahmte Proszenium-Bühne. Rechts von ihr haben sieben Musiker Platz genommen. Vor uns dampft der Tee, der immer wieder nachgeschenkt wird. Die Stühle oben im Rang sind höhenverstellbar. Anna C. Y. Chan, die bis 2018 als Leiterin der Sparte Tanz für die West Kowloon Cultural District Authority tätig war, erklärt daran ein kleines bauliches Detail: Die Brüstungen, vor denen wir sitzen, waren nach britischem Baurecht zu niedrig. Also mussten sie auf das Maß westlicher Zuschauer erhöht werden, was es bei einem durchschnittlich kleineren chinesischen Körperbau notwendig machte, höhenverstellbare Stühle zu installieren. Erst kurz vor Einweihung des Theaters konnten die Vorschriften aus Kolonialzeiten zugunsten chinesischer Maßstäbe geändert werden. Die Stühle, auf denen wir sitzen, sind ein letztes baurechtlich erzwungenes Relikt der britischen Enklave, die 1997 an China zurückgefallen ist.

Gesetze zu ändern ist gerade seit den Protesten in diesem Sommer sehr schwer geworden. Noch bis 2047 soll Hongkong eine weitreichende Autonomie zugestanden werden, aber das Baurecht weicht – wie manches andere auch, etwa die Presse- und Meinungsfreiheit – deutlich früher. Schon im Jahr der Übergabe begannen die Planungen dieses Kulturdistrikts. Er war von Anbeginn als ein diplomatisches Werkzeug gedacht, um die Eigenständigkeit Hongkongs zu demonstrieren. 

Dass auch die Künstler bei der Planung dieser gewaltigen Anlage beteiligt waren, samt eines der bald größten Museen für zeitgenössische Kunst, das von Herzog & de Meuron geplante M+ (ab 2020), einem Musicaltheater und (ab 2023) einem Tanzhaus, dem sogenannten Lyric Theatre Complex, ist allein der Einmischung der Kunstschaffenden selbst zu verdanken. Das Ergebnis: 2008 gründete die Regierung im alten Victoria-Hafen die West Kowloon Cultural District Authority. Begonnen wurde sofort mit traditioneller Rücksichtnahme. So ist neben dem der Kultur von Mainland-China äußerst zugewandten Xiqu Centre auch ein Hong Kong Palace Museum auf dem Areal geplant, das 2022 seine Tore und damit Einblicke in das alte chinesische Kunsthandwerk von vor 1843, vor dem Beginn der Kolonialherrschaft, zeigen soll. 

Ein Free-Space für das freie Hongkong

Alle Beteiligten versichern nichtsdestotrotz, dass hier vor allem aber zeitgenössische Künste aus Hongkong gepflegt werden sollen, auch in einem geplanten Great Theatre, in einem Medium Theatre und in einem Music Centre. So sollen sich bald die drei weiteren, mittelgroßen Theatergebäude entlang des Ufers zum Südchinesischen Meer nennen. Noch stehen sie nur auf der Blaupause. Auf ihr ist auch ein eigenes Hotel für Gast- und Residenz-Künstler angedacht sowie das im Juni dieses Jahres bereits eröffnete „Freespace“, ein Outdoor-Terrain mit Zeltdach, unter dem man ein bis zu 10.000-köpfiges Publikum mit Martial Arts, Parkour, Hip-Hop und anderen Konzerten begeistern will. Der einzige bisher greifbare Ort für die zeitgenössischen Künste ist somit umsonst und draußen. Mit dazu gehört, als wetterfeste Infrastruktur, „The Box“, das bislang größte Black-Box-Theater in Hongkong mit angeschlossenem „Livehouse“, einer intimen Bar samt Bühne für Live-Musik, und mit zwei multifunktionalen Sälen für den Austausch der Künstler untereinander, genannt „The Room“ und „The Studio“. 

Bezahlt wird dieses Theaterensemble – oder besser diese Baustelle – von der Stadtregierung. Was sie nicht zahlt, ist den laufenden Betrieb. Den sollen vor allem Restaurants mitfinanzieren. Dazu hilft, im Fall des Xiqu Centre, auch eine besondere Art, das Publikum durch das Theater zu schleusen. Jeder kurvige Weg – er entspricht dem chinesischen Bauprinzip des Feng-Shui zur Erzeugung eines Energieflusses, „Qi“ genannt – ins Theater hinein führt unweigerlich in den geräumigen Kassenraum. Und jeder Weg aus dem Theater hinaus führt durch einen – eher klein bemessenen – Theaterladen nach Vorbild der Duty-Free-Shops in Flughäfen, in dem es all das käuflich zu erwerben gibt, was mit Motiven der chinesischen Oper verziert werden kann: Teegeschirr, Puppen, Handfächer, Pantoffeln, Mondkalender und wohl alles andere auch. 

Schweben, 27 Meter über Grund

Die eigentliche Attraktion des Xiqu Centre, das bisherige Hauptgebäude, ist das Grand Theatre in diesem überall sehr rund wirkenden, tatsächlich aber sehr quadratisch angelegten Gebäude. Die Bühne samt Zuschauerraum mit 1073 Plätzen wurde in das oberste Geschoss quasi hineingehängt. Sitzt man dort oben, vergisst man leicht, dass man tatsächlich 27 Meter über Grund in einem Behältnis schwebt, das ohne Wandberührung jeglichen Lärm der tosenden Stadt absorbiert. Steht man hingegen unten im Foyer und reckt den Hals, ahnt man kaum, dass die gewaltige, aus seewasserfestem Aluminium geformte Rosette, die aus dem gleichen Material wie die Außenfassade besteht, die Bodenplatte des größten Theaterraums des Hauses darstellt. 

Nötig wurde diese aufwendige Konstruktion, da sich das Grundstück das Xiqu Centre unmittelbar über einer U-Bahn-Station befindet. Den Schwingungen im Boden entkommt man durch sechs gigantische Betonsäulen, wie sie üblicherweise für Wolkenkratzer verwendet werden. Ummantelt von einer Fassade aus Aluminiumflossen, bleiben die Säulen nahezu unsichtbar und tragen 45 Meter hoch das Gesamtgebäude, in das nach und nach wie in einem Regal die einzelnen Geschosse eingehängt wurden. Zuerst wurde der Dachstuhl aufgesetzt: 1800 Tonnen schwer, entspricht dies mehr als der Hälfte des Gewichts des Eiffelturms. Jedes Stockwerk wurde mit Stahltraversen zur Gewährleistung der horizontalen Stabilität verstrebt, die Zwischengeschosse sodann im sogenannten Strangpressverfahren aus Aluminium geformt und eingesetzt. „Das machte eine große temporäre Arbeitsbühne überflüssig und beseitigte auch das Risiko, dass Bauarbeiter in der Höhe arbeiten“, sagt Tom Kember, der Ingenieur der ausführenden britischen Konstruktionsfirma BuroHappold. Das Verfahren kennt er noch vom Bau des Londoner Millennium Dome her, wo „nur durch Strangpressen der Bau des Arena-Auditoriums innerhalb der Kuppel ohne Kräne möglich war“. 

Überhaupt ist das Dach ein seltenes theaterarchitektonisches Erlebnis. Weil traditionell die Aufführungen des chinesischen Musiktheaters jederzeit eine Pause nach eigenem Ermessen erlauben, wird die Bühne im Dachbereich von zwei Gärten flankiert, um sich jederzeit von der mitunter durchaus fordernden Pentatonik der klassischen chinesischen Musik erholen zu können. Der Ausblick hier oben ist atemberaubend. Man sieht auf die gegenüberliegende Skyline des Bankenviertels, von einem Gebäude aus, das in der Nacht wie ein chinesischer Lampion leuchtet und dem soeben die Ehre zuteilwurde, den neuen 100-Hongkong-Dollar-Geldschein als Motiv zu zieren. Identität, sie ist hier in der Tat eine Frage des Geldes. Im Feuerschein der Protestierenden, die in der Ferne zu sehen sind, ist Identität aber vor allem eine Frage des Mutes.

Der Autor:

Arnd Wesemann, 

Redakteur der Zeitschrift „tanz“, war unmittelbar vor den jüngsten Protesten
ein Gast der Hong Kong Academy for Performing Arts. Hier wurden die Fehler der „Regenschirm-Revolte“ 2014 mit 100.000 Teilnehmern sehr kritisch diskutiert, nicht ahnend, dass bald Millionen Menschen auf die Straße gehen würden.


BTR Ausgabe 5 2019
Rubrik: Foyer: Aktuell, Seite 6
von Arnd Wesemann