Jury-Entscheidungen und ihre Konsequenzen

Das Theatertreffen 2019 – mit zwei Produktionen aus Dresden

Bei ihren Entscheidungen für die „bemerkenswertesten“ Inszenierungen des deutschsprachigen Theaters lässt sich die Jury nicht von praktischen Erwägungen lenken, sagt Jurymitglied Eva Behrendt. Das Staatsschauspiel Dresden war gleich mit zwei Stücken zum Theatertreffen eingeladen. Was solch eine Entscheidung für den Betrieb bedeutet, berichtet Peter Keune, -Technischer Direktor. Matthias Schäfer, Technischer Leiter im Haus der Festspiele, ergänzt seine Eindrücke vom Festival.

Eva Behrendt, Theaterjournalistin und Redakteurin bei „Theater heute“, ist eines von sechs Jurymitgliedern, sie war zum zweiten Mal für jeweils drei Jahre dabei – zunächst von 2008 bis 2010 und dann von 2017 bis 2019. Jetzt kehrt sie nach einem Jahr des Reisens wieder zurück in den „normalen“ Arbeitsalltag.

BTR: Frau Behrendt, seit wann arbeiten Sie als Theaterjournalistin? 

Eva Behrendt: Im März 1998 habe ich angefangen für den Zürcher „Tages-Anzeiger“ und bald darauf auch für die „taz“ zu schreiben. Zu der Zeit studierte ich noch, Geschichte und Theaterwissenschaften als Nebenfach, machte Hospitanzen in Zeitungsredaktionen und am Theater. Relativ kurz nach meinem Magisterabschluss begann ich ein Volontariat bei „Theater heute“, wo ich bis heute als „feste freie“ Redakteurin arbeite. Außerdem bin ich weiterhin der „taz“ sehr verbunden und schreibe auch für andere Zeitungen und Magazine, über Theater, aber auch Literatur und Film.

In der Presse liest sich Ihre Arbeit für die Jury so: „Die Jury besuchte 418 Inszenierungen in 65 Städten und gab 744 Voten ab. Die Juroren haben zwischen 94 und 120 Inszenierungen gesehen.“ Wie hat man sich das praktisch vorzustellen, wie lässt sich das bewältigen – nebenberuflich und auch als Mutter ? 

In diesem Jahr lag ich eher im unteren Bereich, d. h. ich habe so um die 90 Vorstellungen gesehen. Ich hatte mir das Limit von drei Theaterbesuchen pro Woche gesetzt. Patchwork-familiär bedingt hatte ich aber auch die Möglichkeit, lange Wochenenden mit vier Besuchen einzuplanen. Zur Hälfte überschneiden sie sich zudem mit denen, die ich für meine Arbeit ohnehin tätige. Wir Jurymitglieder haben uns regional aufgeteilt. Gemeinsam mit meinem Kollegen Christian Rakow war ich für den Bereich Ostdeutschland und Berlin zuständig. Wenn sich dann die Kollegen aus Österreich, der Schweiz und den anderen Teilen Deutschlands mit positiven Voten meldeten, musste ich weitere Reisen einplanen. Gesichtet wurde überall, wenn auch nicht an allen Häusern mit der gleichen Frequenz.

Was ist Ihnen bei der diesjährigen Auswahl besonders aufgefallen? 

Es wurde ja bemängelt, dass es kaum neue Dramatik gab, obwohl ich die „Überschreibungen“ kanonischer Stoffe etwa durch Peter Licht und Simon Stone, teilweise auch von Christopher Rüpings Antiken-Collage schon als eigenständige, neue Theatertexte bezeichnen würde. Das Um- oder Überschreiben sogenannter Klassiker hat eigentlich eine lange Tradition, die zurzeit noch mal ganz neuen Aufwind bekommt. Insgesamt ist auffällig, dass der Text in vielen Produktionen als Material genutzt wurde, als eines von vielen Elementen, zusätzlich zu starken Einflüssen aus der bildenden und der Video-Kunst, der Musik und anderen Bereichen. Strukturell ist die Zunahme von Koproduktionen auffällig. Früher haben entweder freie Häuser oder Stadttheater miteinander kooperiert, jetzt mischt sich das, und die Arbeit wird internationaler.

Bei den Begründungen für die Auswahl werden Bühnenbild, Licht oder Ton selten erwähnt - außer bei visuell sensationellen Produktionen. Stimmt der Eindruck, dass in der Jury die Regie weiterhin im Mittelpunkt steht? 

Das verändert sich, es ist ja nicht nur das Bühnenbild – auch Videoschnitte, Kostüme, Ton, selbst die Schauspieler im Detail gehen oft in der Betrachtung unter. Durch die Entwicklung zum vorher beschriebenen eher Materialhaften sind diese Bereiche mehr Thema als früher, aber im Zentrum stehen immer noch die Regiehandschriften. Wie entscheidend die Bühnentechnik ist, wird uns spätestens immer dann klar, wenn die Berliner Festspiele am Transport von Produktionen nach Berlin scheitern oder in aufwendigen Rechercheprozessen geeignete Räume und Bühnen ausfindig machen müssen.

Denkt die Jury denn auch praktisch, gibt es die Schere im Kopf bei augenscheinlich aufwendigen Produktionen? 

Doch, das wird diskutiert, mit unterschiedlichen Positionen. Unsere Aufgabe ist es aber, die Aufführungen zu benennen. Auf der anderen Seite gibt es die Festivalmacher, die wollen, dass Interessantes zu sehen ist. Aber wenn sie ein Riesenprojekt stemmen sollen und dafür zusätzliche Lotto- oder andere Mittel beantragt werden müssen, ist es eben eine schwierige Situation. Die Schere im Kopf kommt mitunter später. Auch wenn die Festivalleitung uns in der Entscheidung nicht beeinflussen will, kann es doch sein, dass wir uns dann gegen ein extrem aufwendiges Stück entscheiden.  

Auffällig waren in diesem Jahr die vielen Koproduktionen, auch von großen Häusern. Ist dies auch ein Mittel, das Angebot zu erweitern?

Das Stadttheater ist im Umbruch, das ist mein Eindruck von den vielen Besuchen. Es öffnet sich für freie und andere Produktionsformen, notgedrungen. In den vergangenen 50 Jahren war es der Ort, wo man als Bildungsbürger hingeht und sich mit dem Publikum bestätigt, dass man ein Kulturmensch und politisch denkender Mensch ist. Aber dieses Bürgertum bricht allmählich weg, die Medientechnik verändert sich, aber auch die Stadtgesellschaften selbst. Schon seit geraumer Zeit versuchen die Theater, mit partizipativen Projekten wie Bürgerbühnen und Jugendtheater in die Stadt zu wirken: Das sind natürlich auch Versuche, ein diverseres, auch junges Publikum zu finden. Der neueste Veränderungsschub betrifft auch die Theater selbst: Eine diversere Stadtgesellschaft will nicht nur Kunst von und für weiße, heterosexuelle Männer sehen.   

Sehr allgemein gefragt: Sind die Gebäude der Stadttheater geeignet, das Theater der Zukunft zu beherbergen und zu befördern? 

Grundsätzlich finde ich, dass viele historische Gebäude wenig geeignet sind für das zeitgenössische Theater, das dort gezeigt wird. Natürlich kann es spannend sein, wenn zwei Zeitschichten sich reiben, die Künstler das vielleicht sogar thematisieren in ihren Arbeiten. Es kann aber das Publikum auch überfordern. In den Münchner Kammerspielen ist das kühle, hochgradig artifizielle Theater von Susanne Kennedy eine solche Heraus- und auch Überforderung. Tiefe und Größe des Raums beeinflussen auch das Schauspiel selbst, allein deshalb hat sich vermutlich eine virtuose Sprechkunst entwickelt, die auch noch im zweiten Rang verstanden werden kann. In der Schaubühne können sie ganz anders, viel intimer und natürlicher sprechen als in einem großen Stadttheater mit Portal, wo sie breiter und lauter agieren müssen, und selbst dort werden noch technische Hilfsmittel wie Mikroports (oder neulich bei Ostermeier Kopfhörer für das Publikum) genutzt. Gerade Perfor-mance und die freien Arbeiten jüngerer Theatermacher finden aber oft in kleinen, neutralen Blackboxes statt. Bei meiner Reise zum Brüsseler Kunstenfestival hat mich beeindruckt, dass hinter vielen historischen Theaterfassaden technisch top ausgestattete Blackbox-Bühnen in allen Größen zu finden waren – was sehr gut zu den avantgardistischen und zeitgenössischen Theaterästhetiken dort passt. 

Von Dresden nach Berlin 

Aus einem historischen Haus, dem Staatsschauspiel Dresden, wurden zwei Produktionen zum Theatertreffen eingeladen. Was bedeutet diese Entscheidung der Jury für das Haus – mitten in der Spielzeit und im Repertoire? Dazu ein Gespräch mit Peter Keune, dem Technischen Direktor des Staatsschauspiels Dresden. 

BTR: Herr Keune, wann haben Sie erfahren, dass die Stücke ausgewählt wurden, und wie ging es dann weiter? 

Peter Keune: Wir hatten im Januar bereits erfahren, dass die Stücke auf der Longlist sind, und als die „Shortlist“ am 1. Februar auf der Pressekonferenz bekannt gegeben wurde, knallten in der Intendanz natürlich die Sektkorken. Über eine Hausmitteilung wurde sofort das Personal informiert. Dann hieß es einmal tief Luft holen. Durch die Einladung zum Theatertreffen werden ja Theaterproduktionen geehrt. Trotzdem ist es nach meiner Erfahrung gängige Praxis, dass auch die Regisseure gehört werden, vor allem zum Veranstaltungsort und ggf. notwendiger Anpassungen. Der anschließende Vorgang ist dann zügig, aber wegen der vielen handelnden Personen relativ komplex. Zuerst muss der Aufführungsort festgelegt werden. Die Festspiele optionieren ja schon im Vorfeld, neben ihrem eigenen Haus, einige Häuser in der Stadt. Das Deutsche Theater wäre von der Größe eine Option als Spielort für „Erniedrigte und Beleidigte“ gewesen. Aber das DT war ja selbst eingeladen mit „Persona“. Wir haben Pläne übereinanderlegt, überlegt. Dann kam aber die Volksbühne ins Spiel, denn Regisseur Sebastian Hartmann liebt das Haus, die Analogie der Bühnensituation mit dem festen Horizont zu unserer Bühne hat ihm gefallen, und er hat ja früher dort auch gearbeitet. Im Falle der Rasche-Produktion „Das große Heft“ hat man sich dann für das Haus der Festspiele entschieden. Natürlich wollte man die große Produktion im „Stammhaus“ zeigen, und zudem hätte man in der Volksbühne wegen des festen, etwas engeren Horizonts als in Dresden die Drehscheiben nicht auseinanderfahren können. Im Haus der Berliner Festspiele gibt es zwar nur eine Seitenbühne, aber die Fahrt war wenigstens rudimentär möglich. 

Wie war der Einbau selbst, die Rasche-Produktion war ja wieder sehr massiv. 

Ja, das stimmt, aber diese Produktion ist auf die Bühne aufgesetzt, also autark, ohne Podien, Versenkungen etc. Man kann sie überall spielen, wo eine entsprechende Fläche vorhanden ist. Das war ein glücklicher Zufall! Sicherheit, Aufbauzeit, Lagerfähigkeit, Repertoirefähigkeit, Größe und Komplexität eines Bühnenbilds: Diese wesentlichen Kriterien einer Produktion haben nichts mit der Gastspieltauglichkeit zu tun. Wir haben die Dekoration vom „Großen Heft“ in Dresden in großen Einheiten gelagert, es ist somit relativ repertoirefähig, d. h. wir brauchen fünf Stunden für den Aufbau. Jetzt fürs Gastspiel haben wir es in tausend kleine Elemente zerlegt, dafür haben wir etwa drei bis vier Schichten gebraucht, um es neben unserem Spielbetrieb „versandfertig“ zu zerlegen, und sind mit drei Sattelaufliegern nach Berlin gekommen.

„Erniedrigte und Beleidigte“ war aber offenbar nicht so materialreich? 

Nein, das Bühnenbild von Sebastian Hartmann besteht ja im Wesentlichen aus einer leeren Bühne, die mit Tanzteppich ausgelegt wird und einer Art Rollgerüst mit einer 5-mal-7-Meter-Leinwand, die bewegt und bemalt wird. Dazu noch etwas Licht- und Videotechnik. Das passte alles in einen Lkw, den wir schon
zwei Tage vorher zur Volksbühne schickten, damit die Kollegen der VB dann dort entladen konnten, weil das Entladen am Vorabend sonst in die Ruhezeit des Innenstadtbereiches gefallen wäre und das muss beantragt werden. Der Aufbau selbst fing mit einer Frühschicht an, nachmittags war eine Verständigungsprobe und am Abend schon die erste Vorstellung.

Wie konnten die Gastspiele personell bewältigt werden? 

Das war eine schwierige Situation, weil wir im Mai natürlich bei uns weiterhin voll Repertoire gespielt haben und kurz nach dem Theatertreffen auch noch das 4. Internationale Bürgerbühnen-Festival mit zwölf Gastspielen bei uns in Dresden stattfand. Außerdem waren wir allein im Mai noch auf drei anderen Gastspielen: in München, Zürich und dem Flora-Festival in Olomouc. Allerdings haben wir zwei Mannschaften fürs Große und Kleine Haus und unsere personelle Ausstattung ist grundsätzlich vergleichsweise komfortabel. Es war aber – wie oft auf Gastspielen – schwer, die gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeiten einzuhalten, weil wir in Berlin aufgrund des Festivalcharakters nicht einschichtig arbeiten konnten. Da ist es, anders als bei Gastspielen in anderen festen Häusern, eng getaktet. Somit mussten gleich zwei Mannschaften mitgebracht werden. Die haben sich dann die beiden Gastspiele in Berlin aufgeteilt; manche blieben nach den „Erniedrigten“ und wechselten gleich zum „Heft“, andere gingen und kamen neu. Logistisch und personell hat es insgesamt aber gut funktioniert.

Und wie ist es gelaufen, besonders „Das große Heft“? 

Im Prinzip perfekt. Alles war sehr gut besprochen und sowohl von unseren Abteilungen als auch den Berliner Festspielen bestens vorbereitet. Wie schon eben erwähnt, das Schwierige dieses Bühnenbilds ist nicht die Konstruktion an sich – das ist nur viel Stahl –, sondern das Fahren der Vorstellung. Wir haben 12 Motoren und 6 Bewegungsrichtungen, die wir mit 6 Maschinisten plus Bühnenmeister auf Sicht und einfacher Kransteuerung fahren. Die Szenerie ist das gesamte Stück in Bewegung; alles muss zum Text und der Musik passen. Bei der ersten Vorstellung gab es einen Aufreger: die Drehbewegung hat kurz ausgesetzt. Da stockte uns der Atem, ein Reibrad ist durchgedreht. Die Schauspieler kennen das aber von der Szene, wenn Korpus und aufliegender Drehteller gegenläufig drehen und es somit zum scheinbaren Stillstand kommt. Sie marschieren dann auf der Stelle weiter. Nach 30 Sekunden lief es wieder, kein oder kaum ein Zuschauer merkte etwas.

Wie werden Gastspiele von den Mitarbeitern aufgenommen, reisen sie gern? 

Es gibt zwei Sorten Mitarbeiter, die einen machen es gern, die anderen, meist älteren, eher weniger. Irgendwann ist man wohl des Reisens müde. Ich persönlich finde es wichtig, sich auszutauschen – nicht nur die T-Shirts! –, andere Techniker, Technologien und Häuser kennenzulernen. Das haben wir ja auch umgekehrt mit Gastspielen bei uns, vor allem bei unserem Fast-Forward-Festival. Da werden acht junge Regisseure mit ihren Produktionen aus Deutschland und dem europäischen Ausland eingeladen, da können die dann über den Tellerrand gucken. Und neben den arbeitsspezifischen Aspekten sind es ja auch soziale. Insofern werden die Kollegen zwar gefragt, aber auf alle Belange kann keine Rücksicht genommen werden; die betrieblichen gehen vor, das ist ja arbeitsvertraglich und tariflich geklärt.

Die Einladung war aber offenbar eine gute Erfahrung für alle. 

Ja, natürlich, alles lief gut, das Publikum war begeistert, die Festspiele auch, es gab keine Pannen. An dieser Stelle möchte ich nochmals betonen, dass in Berlin von der technischen Seite her alles sehr gut organisiert war. Der Technische Leiter Matthias Schäfer, macht eine tolle Arbeit, er ist unaufgeregt und hat alles im Blick, ebenso die Produktionsleiterin Ka-tha-rina Fritzsche und das gesamte Team; alle sehr professionell und versiert. Es war ein sehr konstruktives Miteinander!

Technik und Theaterzauber 

Die Zeit für alle technischen und logistischen Erfordernisse des Festivals ist knapp, erklärt Matthias Schäfer. Die Jury gibt ihre Auswahl des Festivals im Januar bekannt. Erst im März ist dann klar, wie die Produktionen für das Theatertreffen umgesetzt werden, dann beginnt die exakte Personalplanung und -buchung. Vorher hat Schäfer alle Produktionen in den Theatern gesehen, plant dann mit der Bühnentechnik, Regie und Bühnenbildnern alle Bauproben.

Auch von anderen Gastspiel-Teams war zu hören, wie professionell unterstützt sie sich von den Technikern am Haus der Festspiele fühlen. Carsten Lipsius, Technischer Leiter am Schauspiel Basel, reiste mit „Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“ nach Berlin, die dritte Einladung für das Theater in Folge: „Die Unterstützung hier im Haus ist super, und sehr freundlich. Man hat uns quasi jeden Wunsch von den Augen abgelesen.“ Das ist nicht selbstverständlich, weiß er. Der Technische Leiter Andreas Grundhoff vom Akademietheater Wien war zum achten Mal mit einer Produktion beim Theatertreffen, diesmal mit „Hotel Strindberg“: „Es war wieder ein Genuss auf dieser Bühne mit den Kollegen zu arbeiten und unser Stück einzurichten.“

Befragt nach besonders aufwendigen Produktionen beim diesjährigen Theatertreffen, antwortet Schäfer: „Eigentlich war nichts Opulentes dabei“. Große An- und Umbauten oder Anpassungen, die bspw. in die Maschinerie eingreifen würden, gab es nicht. Bühnenbilder wie „Hotel Strindberg“ oder „Tartuffe“ waren klassische Grundbauten, mit viel Material. Theaterzauber, der aber ohne aufwendige Technik auskam. 

Selbst das bewegte Bühnenbild für „Das große Heft“ mit zwei verfahrbaren Drehscheiben war ein Aufbau, der sich gut bewältigen ließ. Nicht zuletzt wegen des technischen Teams aus dem Dresdner Staatsschauspiel. Und dank der großen Hinterbühne wurde schon im laufenden Festivalbetrieb an zwei Tagen eine der beiden Drehscheiben vormontiert: „Dresden war mit dem Stück das erste Mal unterwegs, alle Beteiligten hatten entsprechend Respekt und waren gespannt, ob auch auf der Berliner Bühne diese Bühnenbild-Maschine ohne Komplikationen funktionieren würde“, erinnert sich Schäfer. Was auch der Fall war. Doch ergab sich eine geänderte Choreografie, die Scheibenbewegungen liefen anders als im Dresdner Schauspielhaus. Die Bühnengröße ist in Berlin eine andere, in Dresden stehen die Scheiben weiter auseinander. „Ausreichend Zeit für Anpassungen mit Darstellern und Technik gab es leider nicht, das war für uns alle wirklich eng.“

Das Berliner Gastspielhaus funktioniert gerade deshalb reibungslos, weil die Produktionen gut vorbereitet anreisen und dann das Bühnenbild ohne Komplikationen einrichten können, betont Matthias Schäfer. Im Rückblick ist er jedenfalls sehr zufrieden mit dem Ablauf des diesjährigen Theatertreffens. Schon jetzt ist er gespannt auf die nächsten großen Produktionen, die für den Herbst vorbereitet werden. 

Zu den Personen: 

Peter Keune 

arbeitete an diversen Theatern als Technischer Inspektor und Technischer Direktor, war u. a. als Fachplaner für Bühnentechnik tätig und ist derzeit Technischer Direktor am Staatsschauspiel Dresden.

Eva Behrendt 

studierte Geschichte, Literatur und Theater-wissenschaft. Seit 2001 ist sie freie Redakteurin der Zeitschrift „Theater heute“ sowie als Autorin u. a. für die „taz“ und Deutschlandfunk Kultur tätig.

Die Stücke

Die diesjährige Auswahl der Jury spiegelt nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell die Umbruchsituation der Theaterlandschaft wider. So gab es nur wenige „Klassiker“ zu sehen, und auffällig waren die vielen Koproduktionen, auch von großen Häusern. Das Theatertreffen wurde mit „Hotel Strindberg“ eröffnet, einer Koproduktion (Regie: Simon Stone) des Wiener Burgtheaters mit dem Theater Basel. Ein Hotel im Querschnitt, die Schauspieler hinter Glas, in einem „Hotel“, in dessen offenen Zimmern Texte von Strindberg in die Gegenwart geholt wurden. Bei der Produktion „Persona“ (Foto 1, Seite 44), einer intensiven Identitätsbefragung nach einem Film von Ingmar Bergman (Regie: Anna Bergmann), kooperierte das Deutsche Theater Berlin mit dem Stadttheater Malmö. Die freie Szene war ebenfalls eingeladen, so die seit über 25 Jahren in Berlin ansässige Gruppe She She Pop mit „Oratorium“ (Foto 2, Seite 44), einem Stück über die Macht des Geldes, der frei tätige Regisseur Thorsten Lensing, der für die Romanadaption „Unendlicher Spaß“ ein kleines, aber virtuos auf leerer Bühne agierendes Ensemble zusammengestellt hatte, sowie Regisseur Thom Luz, der mit Bernetta Theaterproduktionen „Girl from the Fog Machine Factory“ (Foto 3, Seite 44) viel Nebel und eine magische Geschichte auf die Bühne brachte. Als Eigenproduktion war das Basler Theater mit „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“ vertreten, das die Neudichtung des Klassikers von Peter Licht mit viel Schwung aufführte. Auch Dortmund war eingeladen, mit der Produktion „Das Internat“ (Regie: Ersan Mondtag), die aber aus terminlichen und dispositionellen Gründen nicht kommen konnte. In der Halbzeit des Theatertreffens beeindruckte „Dionysos Stadt“ (Foto 4, Seite 44) von den Münchner Kammerspielen (Regie: Christopher Rüping), einer 10-stündigen Produktion, die das antike griechische Theater neu entstehen ließ und in die Gegenwart holte. Das Staatsschauspiel Dresden war gleich mit zwei Produktionen vertreten: „Erniedrigte und Beleidigte“ (Regie: Sebastian Hartmann) ist eine eigenwillige Romanadaption nach Dostojewski, wo die Schauspieler die Bühne allmählich selbst aufbauen und das Stück quasi räumlich erfahrbar wird. Mit „Das große Heft“ (Regie: Ulrich Rasche) schloss das Theatertreffen ab. Die Bühnenadaption des Romans von Ágota Kristóf zeigt auf zwei rotierenden Drehscheiben mit chorischen Auftritten und mitunter martialischen Rhythmen eine Geschichte von Gewalt, Unterdrückung und Obsessionen.


BTR Ausgabe 3 2019
Rubrik: Thema: Produktionen, Seite 44
von Karin Winkelsesser / Co-Autorin Iris Abel