Hannover: Unvorsichtig leben
Wenn Individualgeschichte durch alle Verwerfungen und Leiden hindurchgegangen ist, gerinnt sie zum Schlagwort fürs Fachwörterbuch: «Postnomadische Traumatisierung aufgrund von Krieg und Verfolgung» steht auf einem Flipchart am Beginn dieses Hannoveraner Abends. Man nähert sich Remarques Flüchtlingsgeschichte «Die Nacht von Lissabon» im fiktiven Rahmen einer Vorlesung für den Fachbereich «Psychologie, Wintersemester 2016/2017». Betont hemdsärmelig betritt Silvester von Hösslin als Dozent den Saal: «Wie Sie wissen, hasse ich diese Abendseminare.
Besonders wenn sie so vollgestopft sind mit älteren Gasthörern.» Befreiendes Lachen. Das soll ja zur Traumabewältigung taugen.
Das Intro ist strukturell nicht unbedingt notwendig; auf die hier angelegte Rahmensituation der Universitätsvorlesung kommt die Inszenierung nicht mehr zurück. Aber atmosphärisch gibt die Lockerungsübung doch eine Richtung vor. Wie in seinem ersten Auftritt als Dozent hält Silvester von Hösslin als Solist auch im weiteren Verlauf eine schützende Distanz zum Gegenstand, wenn er in ruhigen erzählerischen Bögen die Geschichte des aus Nazi-Deutschland geflüchteten Josef Schwarz nachzeichnet. Mitunter lässt er die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2017
Rubrik: Chronik, Seite 65
von Christian Rakow
Im Laufe meiner etwa zwanzigjährigen Tätigkeit als Dramaturg an Theatern in Zürich, Basel, Bremen und Berlin gehörte zu meinen Aufgaben, Schülern das Berufsbild des Dramaturgen zu beschreiben. Doch sehr oft wurde mir sogar von Theaterkollegen entgegengehalten, dass ich gar keinen «richtigen» Beruf hätte. Meine Aufgabe als «Dramadurch» (ich komme aus Hessen) sei ja...
Lang hat man nichts von ihm gehört. Auch im Münchner Revier zwischen Marienplatz, Viktualienmarkt und dem Schneider Bräuhaus im Tal, wo man ihm früher oft über den Weg laufen konnte, weit ausschreitend mit weißen Cowboystiefeln, den Blick entschlossen ins Blaue gerichtet, ist Herbert Achternbusch nicht mehr unterwegs. Die Beine wollen nicht mehr.
Altersweise ist...
Am 29. Mai projiziert «The Sun» in riesigen Lettern triumphierend in Richtung Kontinent auf Dovers weiße Felsen «Dover & Out». Die Regierung in Westminster überlegt, «as a clear statement that Britain is back», die Reisepassfarbe vom jahrelangen Burgunderrot zurück zum britischen Blau zu ändern. Der «Guardian» entdeckt einen allgemeinen insularen...
