Wildes Weib, neu formatiert
Kindsmörderinnen sind kein Mythos. Wer die Nachrichten nach Müttern durchkämmt, die ihre Kinder umgebracht haben, oft gleich nach der Geburt, stößt meist auf sozial oder psychisch prekäre, als Kind selbst vernachlässigte und misshandelte Frauen, häufig allein oder in schwierigen Beziehungen. Was auch immer ihr Motiv sein mag – ökonomische Ausweglosigkeit, Druck der Familie, Eifersucht, Selbsthass – immer ist Empathielosigkeit im Spiel, die Unmöglichkeit von Bindung.
Medea, Euripides’ mythische Königstochter aus Zeiten lange vor Psychologie und Pathologie, scheint da ein ganz anderes Kaliber. Sie ist eine große, ja maßlose Liebende: Sie hat im heute georgischen Kolchis ihren Vater Aietes bestohlen und Beihilfe zu seiner und ihres Bruders Ermordnung geleistet, um ihrem Geliebten, dem Argonauten Jason, zur siegreichen Heimkehr zu verhelfen. Doch so, wie sie sich um der Liebe willen gewaltsam aus allen Bindungen – Heimat, Familie – gelöst hat, zerfallen nun auch die neuen: Sie verliert Jason, als dieser merkt, dass seine Gattin in Korinth nicht anerkannt wird, und ihr neues Zuhause, weil König Kreon Jason als Schwiegersohn und Ehemann für seine Tochter Kreusa bestimmt. Als Medea dann ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Eva Behrendt
In einer Spielzeit, die der Frage «Was heißt spielen?» gewidmet ist, kommt man um Dostojewskij kaum herum. Wer wüsste besser als ein jahrelang Spielsüchtiger, was es heißt, immer wieder am Abgrund zu stehen, alles zu riskieren und zu verlieren bis auf den buchstäblich letzten Heller, ja, sogar das eigene, noch ungeschriebene Werk zum Einsatz zu machen? Bei seinem...
Einer der letzten Eindrücke von Maria Magdalena Ludewig, bei der Eröffnung der Wiesbaden Biennale 2018 (s. TH 10/2018): Fiebrig, blass, hochenergetisch federte sie auf dem Grün, über das gerade im Auftrag des Künstlers Santiago Sierra ein Trecker gerast war, um einen mächtigen Zaun zu entfalten. Die Eröffnung der Biennale war ein veritables Feuerwerk, sie fand in...
Zu Jahresbeginn fanden in Lenapehoking mal wieder zahlreiche Theaterfestivals statt. Auch «Under the Radar», dessen Symposium diesmal eröffnet wurde mit einer Runde von 70 schweigend im Kreis stehenden Kuratoren aus der ganzen Welt, die bei geschlossenen Augen einer Vertreterin der Lenape, der Urbevölkerung von New York City, andächtig lauschten. Sie erinnerten an...
