Von Gleichen und Gleicheren

Problemfeld Identität: neue Stücke von Roland Schimmelpfennig, Mehdi Moradpour und Thomas Melle in Berlin, Wien und Bonn

Theater heute - Logo

Ein Mann kommt abends zur Tür herein, zurück in den Schoß der Kleinfamilie, und sieht sich selbst am Tisch sitzen. Verständlicherweise reagiert er nicht gerade begeistert, zumal die Restfamilie so tut, als wäre alles in Ordnung. So beginnen spätestens seit der Romantik Identitätskrisen, die den scheinbar festgefügten Alltag aus den Angeln heben. Bald werden sich noch andere Ichs verdoppeln, irgendwann wird sich die Wirklichkeit in Traumwelten auflösen, die Zeit wird fliegen, die Perspektiven tanzen, der Verstand dankt ab, die scheinbar sicher gefügten Realitäten lösen sich auf.

So jedenfalls bei E.T.A. Hoffmann, der ein Meister solcher Erzähltricks war, um damit sein Biedermeier aus dem Restaurations-Sofa zu wirbeln. Auch Botho Strauß, der literarische Zauberlehrling der bleiernen Vorwende-Bundesrepublik, hat sich später immer wieder gerne der alten Kniffe bedient.

Und Roland Schimmelpfennig? In «Der Tag, als ich nicht ich mehr war» greift er sich zwar das gute alte romantische Doppelgängermotiv. Erst verdoppelt sich der Mann, und keiner merkt es, dann merken es die anderen und er nicht, dann verdoppelt sich die Frau und es kommt zum Identitäts-Vierer mit wechselseitigen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Alles am Fluss

Schiffbar ist die Oker ja eher nicht. Ruder-, Paddel- und Tretboote – das ist das Maximum an Wasser-Kunst. Einen künstlichen Sandstrand gibt’s in einem früheren Fluss-Schwimmbad: die «Okercabana». Immerhin aber teilt sich das Flüsschen im Braunschweiger Bürgerpark und schließt von dort den Kern der alten Fürstenstadt ein wie eine Art Insel; der östliche Arm fließt...

Die Leere im Zentrum

In ihren Fäusten hält Olga je einen Holzscheit, und man weiß nicht, ob er ihr als Halt dient oder als Waffe für den Notfall. Oder ob er vielmehr einen Rest von Sicherheit repräsentiert, von Wärme und gesellschaftlicher Verankerung, um die Olga und ihre Familie so verzweifelt ringen in Kafkas schneeumtostem, von sozialer Kälte durchdrungenem Romanfragment «Das...

Dramatischer Suchtstoff

Du bist wirklich verrückt geworden, Alfred», diagnostiziert Charlotte absolut zutreffend und klingt dabei eher zoologisch interessiert als irgendwie aufgebracht. Chapeau: Schließlich befindet sich die Mittvierzigerin mit ihrem Gatten auf dem Rückweg ins Hotel nach einem Dinnerausflug, in dessen Verlauf der Inhalt (mindestens) eines Rotweinglases in ihrem Gesicht...