Von Gleichen und Gleicheren
Ein Mann kommt abends zur Tür herein, zurück in den Schoß der Kleinfamilie, und sieht sich selbst am Tisch sitzen. Verständlicherweise reagiert er nicht gerade begeistert, zumal die Restfamilie so tut, als wäre alles in Ordnung. So beginnen spätestens seit der Romantik Identitätskrisen, die den scheinbar festgefügten Alltag aus den Angeln heben. Bald werden sich noch andere Ichs verdoppeln, irgendwann wird sich die Wirklichkeit in Traumwelten auflösen, die Zeit wird fliegen, die Perspektiven tanzen, der Verstand dankt ab, die scheinbar sicher gefügten Realitäten lösen sich auf.
So jedenfalls bei E.T.A. Hoffmann, der ein Meister solcher Erzähltricks war, um damit sein Biedermeier aus dem Restaurations-Sofa zu wirbeln. Auch Botho Strauß, der literarische Zauberlehrling der bleiernen Vorwende-Bundesrepublik, hat sich später immer wieder gerne der alten Kniffe bedient.
Und Roland Schimmelpfennig? In «Der Tag, als ich nicht ich mehr war» greift er sich zwar das gute alte romantische Doppelgängermotiv. Erst verdoppelt sich der Mann, und keiner merkt es, dann merken es die anderen und er nicht, dann verdoppelt sich die Frau und es kommt zum Identitäts-Vierer mit wechselseitigen ...
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Theater heute März 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Franz Wille
Aua, das tut doch weh! Florentina Holzinger steht in ihrer jüngsten Arbeit «Apollon» nackt an der Rampe und haut sich mit dem Hammer einen acht Zentimeter langen Nagel in die Nase. Ihre Kollegin Evelyn Frantti, ebenfalls nackt, schiebt sich einen beunruhigend langen Luftballon in den Schlund, der durch den Körper zu wandern scheint. Sie zieht die leere Hülle aus...
Das Programmheft mal wieder! Da wird, bevor es überhaupt um den Inhalt des neuen Stücks «Brand» von Bettina Erasmy geht, ausschweifend über «Epigenetiker» referiert, die untersuchen, «inwieweit sich ein Nebenstrang der DNA tatsächlich durch traumatische Erlebnisse verändert», und über Psychologen, die danach fragen, «welche Konsequenzen diese Erkenntnis für den Weg...
Wer glaubt, es sei die reinste Freude, den sogenannten zehn «bemerkenswertesten Inszenierungen» Goldmedaillen umzuhängen und Blumensträuße in den Arm zu drücken, täuscht sich. Denn für fast jede, die man aufs Treppchen bittet, muss eine andere verstoßen werden. Und das macht keinen Spaß. Dieses Jahr besonders wenig, denn kein Mitglied der im Regelfall gespaltenen...
