Verlebte Leben
Andis Späti mit dem klingenden Namen «Paradies» steht kurz vor seinem Endi. Denn seine Ex Marleen, die sich als erfolgreiche Ärztin aus dem tiefen Osten in den gelobten Westen abgesetzt hat – unter schnöder Zurücklassung ihres Partners –, hat das ererbte Haus verkauft, in dem Andi sich mit seinem kleinen Kiosk eingenistet hat. Wobei der Mini-Einzelhandel mit dem üblich Überlebenswichtigen zwischen Saftschorle, Hosentaschen-Wodka, Tampons und Dauerwurst ohnehin kein ernstzunehmender Umsatzbringer war, sondern eher eine Sozialstation für die örtlichen Verlassenen und Verlorenen.
Derer gibt es einige: Rentnerin Rosi mit der großen Klappe und dem goldenen Herzen, Ex-Alkoholikerin und seit 27 Jahren trocken, kann wunderbar über Pflicht und Leidenschaft, sprich Glück und Durchhalten philosophieren, wenn sie sich an wonnevolle Trunkenheit, aber notwendigen Entzug erinnert. Oder Klara, hingebungsvolle Pflegekraft und alleinerziehende Mutter mit Dauerschlafdefizit und chronisch schlechtem Erzieherinnengewissen dank Schichtdienst und gelegentlicher Sterbebegleitung. Dann wäre da Maik, dauerarbeitssuchend, weil beständig auf der Flucht vor einem Bullshitjob in den nächsten mit ...
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Theater heute Februar 2026
Rubrik: Chronik, Seite 63
von Franz Wille
«Das sind nur die 90er, mein Freund, und das ist nicht mal bös’ gemeint.» So sang einst die Punk-Band But Alive über ihr identitätsstiftendes Jahrzehnt. Die Band ist inzwischen aufgelöst, ihr Sänger steht heute der Polit-Poprock-Combo Kettcar vor. Besonders im Osten, also in den Transformationsländern Mittel- und Osteuropas, waren die 1990er ein wilder Ritt...
Traumtänzerisch bewegt sich der nackte Simon Werdelis über die Bühne. Es ist fast schon ein Naturereignis, wie er mit seiner expressiven Körperlichkeit naiv kokett den Rest der ebenso männlichen Besetzung um den Fingern wickelt. Daniela Löffners Dresdener «Lulu»-Inszenierung von 2023 öffnete für Werdelis noch einmal neue Seiten seines Spiels, auch weil die...
Fake News sind gefährlich, das hat sich herumgesprochen und ihrer zersetzenden Kraft keinen Abbruch getan. Im Gegenteil: Vielleicht liegt die größte Infamie ja gerade darin, dass wer ihnen nachgeht, sich selbst aufs Terrain der Verschwörungstheorien begeben muss, wo man sich nur allzu leicht verirrt. Łukasz Ławicki hat davor augenscheinlich keine Angst. Seine...
