«Trag mir meine Einkäufe»

Pinar Karabulut inszeniert Sivan Ben Yishais «Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)» an den Münchner Kammerspielen

Schummriges Rotlicht im Zuschauerraum, auf der Bühne ein Setting zwischen Kinderzimmer und Bordell: Vier aufblasbare Plastikraketen bilden eine Art Burgfried, zwei von ihnen tragen umgedrehte Gesichter als Sockel. Männliche? Weibliche? Lässt sich nicht sagen.

Im Halbdunkel taucht eine zarte Gestalt mit langer Haarmähne auf, vorne angekommen knickt sie wie unter Schlägen ein, dazu dumpfes Wummern, sie kämpf sich wieder hoch, vollführt ein paar artige Ballettbewegungen mit schlängelnden Armen, dann wieder ein unsichtbarer Angriff und heftige Gegenwehr, bis sie, den Kopf zurückgeworfen, auf den Knien liegen bleibt. Lichtwechsel; und plötzlich hocken Gro Swantje Kohlhof, Jelena Kuljic, Bekim Latifi, Edith Saldanha (die eben noch den einsamen Kampf performt hat) und Mehmet Sözer in stylischen Ganzkörper-Trikots von Teresa Vergho um einen dampfenden Pool mit orangefarbener Flüssigkeit, den Bühnenbildnerin Michela Flück in der Mitte der Bühne eingelassen hat, und halten eine Seance der Sisterhood. Ab jetzt keine ohnmächtige Betroffenheit mehr, nur noch böse Blicke ins Eingemachte.

Trigger-Warnung fürs Geschäft

Regisseurin Pinar Karabulut, die hier auch für Choreografie zeichnet, hat ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Silvia Stammen

Weitere Beiträge
Die lange Nacht des Kritikers

Mit dem berüchtigten ersten Satz, dem voller Skrupel und Selbstzweifel hingeworfenen Einstieg in eine Kritik, hatte Günther Rühle noch nie ein Problem. So auch hier: «Auf einmal machte es RUMS.» Da ist man doch gleich mittendrin und außerdem noch neugierig. Was da gerumst hat, war aber nicht nur die Karosse seines Autos, sondern deutlich mehr. Denn Rühle musste im...

Hiebe gegen die Dekadenz

Jakob Hayner und Erik Zielke haben, ermuntert durch Dietmar Dath (den Autor, Fantasyfilm-Experten und Verfasser des unbekümmert spekulatives Denken bekundenden Romans «Die Abschaffung der Arten») und durch den Dramaturgen Bernd Stegemann, einen Reader mit Schriften des ungarischen Philosophen Georg Lukács aus den Bereichen Ästhetik, Realismus und Theatergeschichte...

Wenn Hochhäuser Trauer tragen

Dass Frauen in Theaterstücken unter sich bleiben, kommt derzeit häufiger vor. Im vorliegenden Fall leben eine Großmutter, Mutter und Tochter zusammen in einer Wohnung und verhandeln klassisches Dramenpotenzial. Die Tochter wurde, wie sie selbst sagt, von einer Minute zur anderen erwachsen: «Juhu / Mit 17. / Keinem Kuchen und keiner Kerze / Mit zwei blauen Strichen,...